Literatur-Nachrichten

Nachts leuchten die Sterne

Von Conny Kammler

Ich stehe eine Weile unschlüssig vorm Regal. Schließlich greife ich zur billigsten Flasche Rotwein, die ich finden kann, und gehe direkt zur Kasse. An der Kasse schäme ich mich dann fast ein bisschen dafür, dass ich nur Alkohol mitgenommen habe. Quälend langsam bewegt sich die Flasche auf dem Band weiter. Als ich endlich an der Reihe bin, zähle ich, unter den genervten Blicken der anderen Einkaufenden, die in einer langen Schlange hinter mir stehen, nervös das Geld heraus. Die Kassiererin wartet geduldig. Schnell und erleichtert verlasse ich den Supermarkt. Draußen schlägt mir eisige Kälte ins Gesicht. Es dämmert bereits. Ich klappe meinen Mantelkragen hoch, ziehe meine Wollmütze tief ins Gesicht und fühle mich sicher, geschützt vor fremden Blicken.

Auf dem Heimweg durch die Stadt sehe ich von Weitem drei Mädchen auf mich zukommen. Ich kenne sie aus der Uni, wo wir ein paar Kurse zusammen haben. Sie unterhalten sich und, wie so oft, sind sie auch jetzt sehr laut dabei, was die Blicke der anderen Passanten auf sie zieht. Sie lachen. Ich bin neidisch, neidisch auf ihre Unbeschwertheit. Bevor sie mich erkennen können, biege ich schnell um die nächste Hausecke. Ich will nicht, dass sie mich sehen und ich will nicht mit ihnen reden. Heute Abend treffe ich sie sicher auf der Party. Über einen Umweg setze ich meinen Weg fort. Zuhause angekommen ziehe ich die Weinflasche aus der Tasche und stelle sie auf den einzigen Tisch, den ich in meiner kleinen, etwas heruntergekommenen Studentenwohnung habe. Tasche, Mantel und Mütze lasse ich mit dem Gedanken, ich sollte mal wieder aufräumen, einfach auf den Boden fallen, wo schon andere Klamotten herumliegen. Ich bin müde. Ich lege mich ins Bett, ziehe die Decke so hoch und die Knie so fest an mich, wie ich nur kann und versuche, mein Gesicht im Kissen zu vergraben. Ich weiß nicht, wie lange ich so daliege und den Tag immer und immer wieder in meinem Kopf durchlebe. Heute war wieder ein Scheißtag.

Irgendwann stehe ich doch wieder auf. Es ist Zeit, mich für die Party vorzubereiten. Ich nehme die Weinflasche vom Tisch und einen Korkenzieher aus einer Schublade, die zu einer kleinen Küchenzeile in der Wohnung gehört. Der Korken löst sich leicht aus der Flasche. Ich gieße den Wein in ein großes Wasserglas, das noch vom Vortag auf der Arbeitsplatte herumsteht. Weingläser gibt es hier nicht. Ich nippe am Wein. Er ist sehr trocken, was mich zunächst das Gesicht verziehen lässt, woran ich mich aber nach einer Weile gewöhne. Wein trinkend an die Arbeitsplatte gelehnt hänge ich meinen Gedanken nach. Dann, weil ich plötzlich die Stille und das mich einnehmende Gefühl der Einsamkeit nicht länger ertrage, schalte ich den Fernseher an. Es laufen Nachrichten. All das Böse dieser Welt deprimiert mich jedoch noch mehr. Nachdem das Glas leer ist, beschließe ich zu duschen. Lange stehe ich unter dem heißen Strahl. Mein Haut wird ganz rot, aber ich ignoriere es. Ich fühle mich ein bisschen besser. Vielleicht liegt es auch am Wein, der sich warm in meinem Körper ausgebreitet hat. Ich trockne mich ab und creme meine eben rasierte Haut ein, föhne meine Haare und bändige sie mit einem Glätteisen. Weniger leicht geht mir das Auftragen der Schminke von der Hand, die ich sonst eher selten trage. Dennoch zufrieden mit dem Ergebnis schenke ich mir ein weitere Glas Wein ein, öffne beide Kleiderschranktüren und setze mich nackt, halb auf den am Boden liegenden Klamotten, im Schneidersitz davor. Im Kopf gehe ich alle Möglichkeiten für ein Hey-Leute-ich-bin-auch-noch-da-und-bin-wahnsinnig-heiß-Outfit durch. Mit jedem Schluck werde ich mutiger, bis ich schließlich in einem weiß-pink-gemustertem, großzügig ausgeschnittenem Oberteil, einem kurzen, schwarzen Rock, dunklen, etwas durchsichtigen Strumpfhosen und schwarzen, hochhackigen Stiefeln vor dem Spiegel stehe, der neben dem Kleiderschrank an der Wand hängt. Skeptisch betrachte ich mein Spiegelbild. Die Leute aus der Uni werden sicher staunen, oder sich wundern. Morgen wird es mir sicher peinlich sein. Schnell trinke ich noch mehr Wein, bevor ich es mir anders überlege. In der Flasche ist mittlerweile nur noch ein kläglicher Rest. Ich sammle Mantel und Tasche vom Fußboden auf und mache auf den Weg zur Party.

Draußen ist es kalt. Trotzdem glühen meine Wangen und ich spüre den Alkohol in meinem Körper. Zu Fuß stöckle ich in Richtung Industriegebiet. Nach etwa zwanzig Minuten erreiche ich das alte, umgebaute Fabrikgebäude, in dem heute die Party ist. Vor dem Eingang stehen ein paar Leute herum, rauchen und unterhalten sich. Ich kenne sie nicht. Langsam gehe ich die Treppe zum Eingang hoch. Gedämpft ist die Musik von Drinnen zu hören. Im Vorraum zahle ich den Eintritt und bringe an der Garderobe meinen Mantel unter. Dann steuere ich auf die nächste Tür zu, atme noch einmal tief durch und stoße sie auf. Die Lautstärke der Musik bricht wie eine Welle über mich herein. Der Raum ist dunkel und voll Menschen, die Laseranlage irritierend schnell. Ich bahne mir einen Weg zur Bar. Nur mit Mühe kann ich mich im Gedränge durchsetzen. Wie üblich bestelle ich einen Gin Tonic. Ich beobachte den Typen hinter der Bar, wie er Eiswürfel in ein Glas fallen lässt, Gin und Tonic Water hinterhergießt. Er ist sehr schnell. Mit dem Glas in der Hand verlasse ich die Bar und gehe in Richtung Tanzfläche. Ich beobachte die Leute um mich herum. Alle haben Spaß, lachen und bewegen sich mal mehr, mal weniger rhythmisch zur Musik. Ich sehe ein paar bekannte Gesichter, einige grüßen, ich lächle, manche kommen sogar zu mir, darunter auch zwei der Mädchen, die ich am Nachmittag in der Innenstadt gesehen habe. Wir reden kurz miteinander, sie sagen, ich sehe gut aus heute Abend und dann gehen sie weiter. Ich merke, wie mit jedem Schluck meine Zunge ein wenig schwerer wird, ich aber ein bisschen leichter. Ich will tanzen. Wie in einem Rausch lasse ich mich in die Menge der Tanzenden und mit ihnen treiben. Endloslang bewege ich mich zur Musik, ich fühle mich gut. Ein bisschen sexy. Immer wieder gehe ich zur Bar. Alles dreht sich. Scheinbar um mich. Ein Fremder legt seine Hände auf meine Hüften. Eine Weile tanzen wir eng miteinander, Körper an Körper. Er lächelt und sagt etwas zu mir. Ich verstehe ihn aber nicht. Ich zwinkere ihm zu, löse mich aus seinem Griff und lasse mich weiter treiben. Ich lache, werfe die Arme hoch, was mich das ein oder andere Mal zum stolpern bringt, aber immer fängt mich jemand auf und tanze ich weiter. In diesem Moment bin ich glücklich. Ich fühle das Leben durch meinen Körper fließen. In diesem Moment bin ich eine andere. Und ich wünschte, die Nacht würde nicht enden und der nächste Tag nie kommen.

Das Ende kommt dann doch, aber viel zu schnell, viel zu abrupt. Die Musik erlischt und das Licht geht an. Ich stehe fast alleine auf der Tanzfläche. Viele sind schon gegangen. Ich schaue mich nach bekannten Gesichtern um – vergeblich, da sich alles viel zu schnell dreht und vor meinen Augen verschwimmt. Langsam bewege ich mich auf den Ausgang zu. Ich will meinen Mantel holen. Schwankend stehe ich dann vor der Garderobe, krame ich meiner Tasche und finde irgendwann den verdammten Zettel. Das Mädchen an der Garderobe schaut mich mitleidig an, vielleicht auch auf mich herab. Mit dem Mantel in der Hand verlasse ich das alte Fabrikgebäude. Draußen trifft mich die Kälte wie ein Schlag. In meinem Kopf rauscht es, mir wird übel. Der Heimweg ist lang und mühsam. Mich überkommt wieder die alte Traurigkeit.

 

 

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