Literatur-Nachrichten

Fluchtversuch

Von Gerhard Koll

Hansen saß auf der Kante des Bettes und schaute auf die fluoreszierenden Zeiger seiner Armbanduhr, die im stumpfen Winkel einen trüben Spätnachmittag anzeigten.

Der erste Tag seiner Freiheit, aber wohl war ihm nicht dabei.

Karin müsste jetzt mit der Kleinen nach Hause gekommen sein. In Gedanken hörte er das Klappern des Schlüssels in der Korridortür, das tapsige Laufen des Kindes durch den Flur, das fragende „Hallo“ Karins in das verlassene Haus hinein. Noch in der Jacke würde sie die Küche betreten, sich wundern, dass er nicht geantwortet hatte und dort, während sie die Einkauftaschen auf den Tisch abstellte, den Brief vorfinden.

Er schaute erneut auf die Uhr, aber der Winkel der Zeigerstellung hatte sich nicht sonderlich verändert.

Dann fuhr sein Blick durch das Zimmer, streifte die achtlos abgestellte Reisetasche, das schmucklose Tischchen, auf welches er seine Brieftasche gelegt hatte und den farbverschmierten Stuhl neben dem kleinen, kalten Waschbecken, auf dessen Kante eine Pyramide fransiger Handtücher lag. Am Wasserhahn zitterte ein Tropfen, blähte sich auf und ließ sich als transparenter Faden in die Tiefe stürzen, um einem neuen Tropfen Platz zu machen.

Hansen hatte nicht lange gesucht und auch nichts Besonderes erwartet. Unterkommen für eine Nacht, so hatte er die Centralstation von Antwerpen verlassen, war ein paar Straßen ziellos herumgeirrt, bis er vor diesem Hotel gestanden hatte. Morgen früh wartete bereits das Schiff auf ihn.  

Karin würde jetzt den Brief an sich nehmen, verwundert darüber sein, dass er von ihm war und sich nach den ersten gelesenen Zeilen schockiert hinsetzen. Was dort stand, kam überraschend für sie, denn Hansen hatte nie ein Wort gesagt.

Seine Augen wanderten weg vom Wasserhahn, suchten nach einem anderen Halt und blieben schließlich an der Papptafel haften, die neben der Tür Hausordnung und Zimmerpreise beschrieb. Hinter stumpfen, von Nikotin gegilbtem Glas Check-out-Zeiten, Telefonnummern, Verhaltensregeln im Falle eines Feuers.

Dem flüchtenden Männchen auf dem Piktogramm hatte jemand einen Koffer an die Hand gemalt, welchen dieser nun schwerfällig durch die aufgezeichneten Gänge des Hotels bis zum Notausgang tragen musste. Was nahm man bloß mit auf der Flucht? Nichts natürlich. Leichtes Gepäck bestenfalls. Das Nötigste eben. Doch Hansen schleppte alles mit sich herum.

Er schloss die Augen, schob mit den Lidern diese Gedanken auf Wiedervorlage und überlegte, wann es begonnen hatte, dieses unerträgliche Dasein jenseits von sich selbst, und sah sich mit dunklem Anzug und kratzendem Kragen vor dem Standesbeamten stehen, der in korrektem Tonfall die Frage an ihn richtete, die er mit einem zögerlichem ja beantwortete, weil die Blicke hinter seinem durchschwitzten, Frackhemd es erpressten.

Eine Märchenhochzeit, auf der sich seine Mutter dezent die Tränen trocknete, ohne zu ahnen, dass hinter dem Glanz schon längst ein Schimmelpilz wucherte.

Sogar einen Bentley hatte Karins Vater ausgeliehen.

Mit ihm ging es offen und blumengeschmückt durch die Stadt und selbst an die Dosen hatten sie gedacht, die hinter dem Luxusauto über das Pflaster sprangen und laut verkündeten, was ihm unangenehm war.

Später, als er das Tanzparkett betrat, um den Hochzeitswalzer zu eröffnen, da kam es ihm vor, als wäre es eine Fläche aus Treibsand, die ihn mehr und mehr hinabzog. Es war die anfängliche Bebauung einer freien Aussicht, denn als der Schwiegervater ihn auf dem nicht viel später stattfindendem Richtfest zur Seite nahm, väterlich umarmte, von Verantwortung sprach und auf die Bedeutung eigener Steine hinwies, da erschien es ihm, als müsse er diese auf seinen Schultern tragen, die ihn fortan niederdrückten und zwangen, sich nur noch kriechend fortzubewegen. Da wurde selbst die Umarmung zu einer Klammer.

Die Zeit des Zusammenlebens floss zäh durch seine Erinnerung. Karin war schwanger und versuchte, das gemeinsames Haus in ein Nest zu verwandeln, in dem man sich wohlzufühlen hatte. Es war vollgestopft mit Dingen, die er nicht benötigte, nicht mal schön fand und diesen Krempel sogar verachtete, weil Karin dafür Aufmerksamkeit einforderte, die er lieber für Anderes aufgehoben hätte.

Doch in diesem Augenblick würde sie lesen, dass er nie glücklich war, sie nicht einmal geliebt hatte, sondern nur aus Bequemlichkeit und Feigheit bei ihr geblieben war. Und nun ging es nicht mehr. Er wollte alles hinter sich lassen, ein neues Leben beginnen. Aber was sollte das schon heißen? Nichtssagende, leere Sätze auf kariertem Papier.

Hansen nahm ein Bier aus der Reisetasche, öffnete es und setze sich zurück auf die Bettkante. Durch die hastige Bewegung schäumte es über, lief in einem weißen Lavastrom über seinen Handrücken und sammelte sich in einer schmutzigen Pfütze auf dem Läufer. Er starrte auf den Fleck, ohne ihn zu erfassen.

Auch sein neues Leben begann mit Feigheit. Es ihr nicht direkt zu sagen, sondern in einem Brief ...

Dieses mangelnde Gefühl, wer zu sein, war an allem Schuld. Diese Selbstzweifel machten ihn so mutlos und schnürten das Korsett enger und enger bis hin zur Ohnmacht.

Von nebenan drang das hysterische Stöhnen einer Frau, das Schlagen von Bettpfosten gegen die Wand. Eine  Männerstimme ächzte in den Rhythmus hinein und erstickte mit einem lang gezogenen Vokal. Dann war es still. Nicht mal das hatte mit Karin Spaß gemacht.

Hansen saugte gierig an der Flasche, versuchte zur Ruhe zu kommen, zu vergessen. Er legte sich auf das graue Laken, starrte gegen die Decke, aber es nutzte nichts.

Die Kleine würde nach ihm fragen und Karin irgendetwas erzählen, vielleicht auch nur mit dem Kopf schütteln, sich wegdrehen, da sie nichts sagen konnte, aus Übelkeit, aus Wut.

Die Zweifel, ob es der richtige Schritt war, waren nicht niederzukämpfen und bereut hatte er sein Weggehen bereits, als er vor sechs Stunden in den Zug stieg. Einfache Fahrt nach Antwerpen, Umsteigen in Brüssel.

Der Versuch der Freiheit hatte etwas Fremdes und kurz hatte er überlegt, nicht an Bord zu gehen, sondern zurückzufahren, zu Karin, in das vertraute Unglück. Aber auch dann wäre er ein gebrochener Mann, über Jahre, wenn nicht für den Rest seines Lebens. Auf den letzten fahrenden Zug war er aufgesprungen. Ja, so konnte man es nennen.

Hansen musste plötzlich lachen, als er an seinen Schwiegervater dachte. Nun war es klar! Eine labile Laus hatte ihm seine Tochter ins Nest geholt. Morgen würde sie ihn anrufen und mit wiedergefundener Fassung sagen: „Er ist weg!“ Ein Satz, fast ohne Worte, vorgetragen in ihrer kalten Art, bei der man gleich verstand, dass Nachfragen zwecklos war.

Im Nachbarzimmer waren Stimmen zu hören, Gelächter drang herüber, dann das Klopfen einer maroden Wasserleitung in der Wand. Das Pärchen war jetzt auf dem Flur. Man hörte, wie die Tür ins Schloss fiel und dann die gedämpften Schritte auf dem pelzigen Teppich. Sie gingen an seiner Zimmertür vorbei, die enge Treppe hinunter. Dann war es ruhig.

Das Schiff, auf dem er angeheuert hatte, war die „M.S. Horn“. Sie traf im Laufe der Nacht in Antwerpen ein, löschte einige Container und legte morgen früh wieder ab, nach Port of Spain, Trinidad. Auf einem Zettel hatte er den Liegeplatz notiert und die verschiedenen Anlaufhäfen im Karibischen Meer. Diese exotischen Namen hatten seinen Blick getrübt, plötzlich in ihm eine Welt errichtet, in der er glaubte, jemand anderes sein zu können. Doch in diesem Moment ahnte Hansen, dass seine verkrüppelte Seele mitkam.

Seine Augen fixierten einen Riss im fettig gewordenen Deckenanstrich; eine Krampfader, die sich hässlich verästelte und in einem schorfigen Wasserfleck endete. Ein ockerfarbener Kranz umringte das Delta und bildete den Rahmen der surrealistischen Fotokopie seiner krummen Gestalt auf dem schmalen Bett.

Die Gedanken an seine Tochter ließen ihn nicht los.

Dieses kleine Wesen aus Porzellan, das nichts ahnte von dem üblen Gebräu, welches sich peu a peu zusammengemischt hatte und so zu einem Gift geworden war, das auch ihr gefährlich wurde, ging heute ins Bett, ohne das er ihr „Gute Nacht“ wünschte. Bei dieser Vorstellung musste er die Tränen zurückhalten. Es tat weh und sein Hals verwandelte sich zu einer Röhre aus brüchigem Mörtel. Bis er dem Kind alles erklären konnte, dauerte es eine Ewigkeit, vielleicht ein Leben und dann war nicht mal sicher, ob sie es verstehen würde. Er trug ein Foto des Kindes in der Brusttasche seines Hemdes. Unwillkürlich tastete er nach dem scharfkantigen Papier, betrachtete das blonde Kind und strich mit den Fingern über die verknickten Ecken. Noch nie war seine Einsamkeit so groß wie in diesem Moment. Metastasenartig breitete sich dieses Gefühl in seinem Körper aus. Vom Kopf über den Magen bis hinunter zu den Füßen. Wenn es das war, was er für seine Freiheit erhielt, hatte er ein schlechtes Geschäft gemacht.

Er trank schneller, trank gegen diese Gedanken an, bis er einschlief.

Das Geräusch der zu Boden fallenden Flasche weckte ihn. Unsicher schaute er sich um und erkannte schließlich die Möbel des Hotelzimmers, die sich scharfkantig aus der Dämmerung herausbildeten. Es war kurz vor halb sechs. Spitzwinklig glühten die Zeiger auf seinem Handgelenk.

Er stand auf, ging zum Waschbecken und schob sich die nassen Hände durchs Haar. Dann war er auf dem Flur, legte dem Nachtportier seinen Schlüssel auf den Tresen und bestieg ein Taxi, das ihn zum Hafen brachte.

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