Literatur-Nachrichten

Das grüne Labyrinth

Von Edith Kramer

„Na, was gibt´s heute bei dir zu essen, Sportsfreund?“

„Ha,ha.“

Wie satt er diese Bemerkungen hat.

Tobias steht neben seinem Vater am Herd und passt auf, dass sein Fisch nicht zu stark brät. Sein Vater rührt in der Tomatensauce, den der Rest der Familie gleich  mit Spaghetti runter schlingen wird. Mit Sicherheit jedenfalls werden das sein Bruder und seine Schwester tun.

Vor zwei Jahren fing das an, dass er nur noch Weißes essen konnte.

Seine Eltern haben erst gelacht, ihn  dann zum Psychologen geschickt, und als das nichts brachte, ließen sie ihn gewähren. Die Absprache lautet, dass er für sich selbst einkaufen und kochen muss.

Er kauft montags nach der Schule für die gesamte Woche ein.

Am liebsten würde er alleine essen, damit er den an­deren nicht zusehen muss, aber das darf er nicht.

Er kocht sich jeden Abend das Gleiche: In Kokosmilch gegarten Reis mit einem weißen Fischfilet. Dazu gibt es Rettich mit Salz im Sommer und im Winter Blumenkohl.

Morgens isst er Toastbrot ohne Rinde mit Mozzarella, in der Schule Na­turjoghurt oder Quark. Zu allem trinkt er Milch oder Wasser.

Alle sechs Monate muss er zu einer Ärztin, die ihn gründlich untersucht.

„Wenn  Frau Dr. Reichelt Mangelerscheinungen feststellt, ist Schluss mit deinen Spinnereien,“ sagt seine Mutter jedes Mal vor der Untersuchung.

Wie gerne würde er Spaghetti mit Tomatensauce essen, aber alleine der gelbliche Farbton der Nudeln löst schon Ekel in ihm aus.

Zehn Minuten später sind alle am Tisch versammelt. Hoffentlich spritzt Amelie nicht wieder mit  Sauce herum, denkt er und schirmt seinen Teller mit Unterarm und Hand ab.

„Wie soll das mit der Klassenreise klappen, wenn du nicht normal essen kannst?“

Tobias reagiert nicht auf die Frage seines Vaters. In zwei Wochen ist es soweit, er mag nicht daran denken.

„Tobias?“

Lasst mich doch alle in Ruhe. Kann ich nicht alleine leben und nie mehr zur Schule gehen?

„Er kocht sich vor und nimmt eine Kühltasche mit eingefrorenen Portio­nen mit. Was, Tobi?“

Sein Bruder Ralf grinst ihn dämlich an. Er könnte ihm die Fresse polie­ren.

„Ja, genau das mache ich, Blödmann.“

„He, he, hier wird sich nicht beleidigt“, sagt seine Mutter in scharfem Ton. Sie beginnt die Teller zusammenzustellen.

„Ralf, du räumst das Geschirr in die Spülmaschine, Tobi du wischst den Tisch und den Herd ab. Amelie, du kannst schon mal Zähneputzen ge­hen.“

Seine Mutter steht auf und geht ins Wohnzimmer, sein Vater trottet hin­terher. Es ist Zeit für ihre Kultursendung vor den Nachrichten.

Amelie verschwindet ins Bad. Er nimmt den Lappen und wischt ange­ekelt die Tomatenspritzer von der Herdplatte. Ralf knallt  Teller und Besteck in die Spülmaschine.

Wenigstens hält er die Klappe, denkt Tobias, wäscht den Lappen aus, wischt noch schnell über den Tisch und geht in sein Zimmer.

Gott sei Dank muss er in der neuen Wohnung nicht mehr mit Ralf das Zimmer teilen. Ihre beiden Räume sind ziemlich klein, aber das ist ihm völlig egal. Nur nicht seinen ständig rülpsenden und furzenden älteren Bruder in der Nacht ertragen müssen.

Als er sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen lassen will, scheint sich die Zeit zu dehnen. Plötzlich wird er  rückwärts fortgerissen, als säße er ge­gen die Fahrtrichtung in einem Überschallzug. Um ihn herum ist dichter, weißer Nebel. Er hat keine Angst, er mochte es schon immer auf dem Rummel mit hoher Geschwindigkeit herumgewirbelt zu werden.

Er verliert jedes Zeitgefühl, sein Denken ist ausgeschaltet, er schließt die Augen, er rast dahin, und dann ist die Fahrt zu Ende.

 

Als er die Augen öffnet, sitzt er auf einem rundum bemoosten Fels.

Um ihn herum ist alles grün, alles von leuchtend grünen Moosen und Flechten überzogen. Kleine Steine, große Felsbrocken, dünne Baum­stämme, dicke alte Bäume, Äste, Lianen, alles in grellen Grüntönen schimmernd. Dazwischen wachsen Farne in allen Größen.

Er ist in einem grünen Dschungel gelandet. Alles ist feucht, Wassertrop­fen glitzern in der Abendsonne. Bis auf sanftes Vogelgezwitscher ist es absolut still. 

Vor ihm führt ein schmaler Pfad durch das feuchtgrüne Dickicht.

Er wundert sich, dass er überhaupt nicht beunruhigt ist, obwohl er nur wenige Meter weit den Weg ein­sehen kann und außer Himmel und Wald nichts zu sehen ist.

Er geht los, schlängelt sich an Felsen vorbei, seine weißen Turnschuhe sind im Nu grün verfärbt und klamm.

Er ist sich absolut sicher, dass er vor Einbruch der Dunkelheit irgendwo ankommen wird.

Als ein Rabe plötzlich aus einer Korkeiche auffliegt, erschrickt er kurz, atmet  dann erleichtert aus und setzt seinen Weg fort.

Wie lange ist er schon unterwegs? Er kann es nicht sagen.

 

Und dann endet das grüne Labyrinth.

Er steht vor einer Lichtung und überall sind fröhliche Menschen, die ein Fest vorbereiten. Es ist fast dun­kel, in der Ferne erkennt er Bergkämme, die sich vom Himmel abzeich­nen. Die ersten Sterne sind zu sehen und ein blasser Mond.

Obwohl seine Füße in den Turnschuhen heiß und wund pochen, fühlt er sich aufgekratzt.

 

Ein Mädchen in seinem Alter kommt auf ihn zu und reicht ihm ein Glas mit einem rubinroten Getränk. Durstig greift er danach und trinkt.

„Herzlich Willkommen. Das ist Granatapfelsirup mit Wasser, falls es dich interessiert. Übrigens habe ich jeden Tag Angst meine Schulklasse zu betreten. Meine Beine zittern dann und ich glaube, dass ich jeden Moment umfalle. Das geht schon seit einem Jahr so. Der Gedanke, dass ich ständig bewertet werde, bei allem was ich sage oder schreibe, ist ein­fach furchtbar.“

„Und ich kann nichts Farbiges essen oder trinken. Seit zwei Jahren esse ich nur weiße Lebensmittel.“

Sie lächelt und deutet auf seinen Mund.

„Du bist ganz verschmiert. Rot.“

Sie lachen. Er wischt sich mit der Hand über den Mund und betrachtet die sattroten Saftspuren.

„Bist du auch durch das Labyrinth gekommen?“

„Wir alle. Da drüben, das ist Thomas. Er muss ständig Hände waschen, darf nicht auf Linien treten. Er ist Bauingenieur und hat drei Kinder. “

„Glaubst du...?“ Er zögert, aber sie scheint zu wissen, was er fragen möchte.

„Ja. Etwas ist mit uns passiert. Komm, wir zünden die Fackeln an.“

Das Mädchen zieht ihn mit sich fort, und als die Sonne endgültig ver­schwunden ist, brennen die rund um die Lichtung aufgestellten Fackeln.

Geschieht dies alles wirklich, fragt er sich irgendwann.

Er redet mit den unterschiedlichsten Menschen, egal, ob alt oder jung.

Er isst alles was ihm gefällt. Es wird viel gelacht, er fühlt sich so gut, wie schon lange nicht.

 

Völlig unerwartet setzt der Sog in den weißen Nebel wieder ein.

Im ersten Mo­ment überkommt ihn eine große Traurigkeit, er möchte bleiben, seine neuen Freunde nicht verlassen.

Aber dann ist nur Stille in ihm und die rasende Geschwindigkeit, die auf seinen Körper einwirkt.

Als er aufwacht, liegt er angezogen, mit seinen Turnschuhen auf dem Bett. Seine Füße schmerzen, aber er fühlt sich frisch und ganz wach im Kopf. Es ist noch früh am Morgen. Er holt sich saubere Sachen aus dem Schrank, schleicht sich ins Bad und duscht ausgiebig.

Als sein Bruder im Schlafanzug in die Küche geschlurft kommt, beißt er gerade in ein Graubrot, dass er dick mit Marmelade bestrichen hat – es ist die rote Johannisbeermarmelade, die seine Oma immer kocht.

„Kein Kommentar, verstanden!“, knurrt er seinen Bruder an.

„Alles klar, Mann. Verstanden.“

 

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