Literatur-Nachrichten

Wer hätte das gedacht?

Von Petra Kroner

„Uno momento, Signore! Hier wurde abgegeben etwas für Signora Maiwald. Ich Ihnen übergebe jetzt.“

Helene glaubte, die Unterkiefer ihrer Freundinnen nach unten fallen zu hören, so erstaunt waren die beiden. Eigentlich wollte sie an der Rezeption nur ihren Zimmerschlüssel holen. Jetzt aber ließ sie ihre Mitbringsel achtlos fallen und nahm eine dunkelrosa Bougainvillea in durchsichtiger Folie in Empfang.

Während sie Einkäufe erledigte, waren ihre Gefährtinnen am Strand gewesen, hatten in der gnadenlosen Hitze ihrer ohnehin zerknitterten Haut weitere Fältchen hinzugefügt. Die von der Sonne geröteten Nasen leuchteten noch intensiver, da Fassungslosigkeit sie kräftig aufheizte. „Wer, um Himmels Willen, schickt dir Blumen?“ fragte Thea, Neid und Ungläubigkeit kaum verbergend. Es durfte nicht sein, dass Helene, die niemals einen einzigen Verehrer vorweisen konnte, eine Eroberung gemacht haben sollte. Sie, Thea hingegen, befand sich seit 34 Jahren im glücklichen Stand der Ehe. Wobei sie gerne verschwieg, dass sie täglich den Wunsch verspürte, ihren Waldemar für einen bemannten Weltraumflug zur Verfügung zu stellen.

Lisa nahm ihrer Freundin den pinkfarbenen Blumentraum aus den Händen und bemerkte erschüttert: „Keine Karte! Ein anonymer Verehrer, wie aufregend!“ Ihre Nasenflügel bebten. „Wahnsinn!“ Sie schaute um sich, in der Hoffnung, ein männliches Wesen zu entdecken, am liebsten natürlich eines mit Buckel und Klumpfuß. Niemand, der in Betracht kam, war zu sehen. Auch Luigi, der Portier, zuckte nur ob seiner Unwissenheit die Schultern und dachte: Was für ein Zirkus wegen einer Pflanze, die hier an jeder Hauswand wächst!

Die somit in der Achtung Gestiegene wurde aufs Zimmer begleitet. „Du kannst uns doch nicht weismachen, du hättest keinen Verdacht! Oder hast du uns etwas verschwiegen?“

Ungläubig starrte Lisa auf die Topfpflanze. Sie war immerhin 23 erfüllte Jahre, wie sie oft betonte, verheiratet gewesen war, bis ihr armer Fred durch ein Herzleiden dahingerafft worden war. Böse Zungen behaupteten allerdings, bei ihm seien Leber und Bauchspeicheldrüse nicht mit seinem Lebensstil einverstanden gewesen und hätten ihm schmollend ihre Dienste versagt.

Helene fühlte sich vom Einkaufsbummel erschöpft, kickte ihre Schuhe in die Ecke, stellte die Bougainvillea auf den Balkon, schloss für einen Moment die Augen, genoss die milde Nachmittagssonne und meinte erstaunlich gelassen: „Lasst mich bitte bis zum Abendessen in Ruhe! Ich bin schlag kaputt. Macht nicht so viel Tamtam! Das Ganze ist gewiss ein Irrtum.“ Zufrieden zogen sich die beiden Grazien in ihre Räume zurück. Eine Verwechslung war die einzige Erklärung.

Endlich alleine, streichelte die heimlich Geschmähte zärtlich die Blüten und verstand nicht, warum sich immer alles um einen Mann drehen sollte. Helene liebte ihr Single–Dasein, ihr gepflegtes Heim und die Nachmittage im Bridge– und Wanderclub. Schade war, dass die beiden dies nicht begriffen und die „ach so arme Helene, die keinen abbekommen hatte“, bemitleideten. Sie war es leid, sich Äußerungen anzuhören wie: „Liebes, da kannst du gar nicht mitreden. Du warst niemals verheiratet.“ Mochten die beiden denken, was sie wollten, sie war glücklich über diese zauberhafte Kübelpflanze, die zu Hause auf ihrer Terrasse einen Ehrenplatz finden würde.

Wie jedes Jahr hatten sich die drei eine preiswerte Ferienwohnung gemietet und machten von dort aus Trips in die Umgebung, besuchten historische Stätten, ließen sich in urigen Kneipen am Wegesrand Spezialitäten des Landes servieren und blieben manchmal für wenige Tage an Plätzen, die interessant erschienen. Da nur Lisa einen Führerschein besaß, war sie die ungekrönte Königin der Landstraße und ihres Mietwagens. Sie bestimmte, keine Diskussionen duldend, was als schön und sehenswert zu gelten hatte. So waren sie bei einem ihrer Ausflüge hier in diesem Städtchen gelandet, weil sich Lisa nach eigenen Aussagen, dessen Liebreiz einfach nicht entziehen konnte. Wobei sie allerdings verschwieg, dass ihr Schmerzen an einer unaussprechlichen Stelle Probleme bereiteten und sie hoffte, nach ein bis spätestens drei Tagen wieder fit zu sein.

Der nächste Morgen zeigte sich von seiner besten Seite. Am wolkenlosen Sommerhimmel schaute eine strahlende Sonne wohl gefällig auf eine zart geschminkte Helene, die in einem gelben Sommerkleid verspätet zum Frühstück heranschwebte, wohl duftend, beäugt von misstrauischen Blicken. „Kommst du schon wieder nicht mit an den Strand?“ „Das Kleid ist toll! Das kenne ich gar nicht.“ „Habt Ihr denn vergessen, dass wir heute eine Besichtigung geplant haben? Ich will vorher noch zum Friseur gehen.“ entgegnete Helene, nahm sich rasch ein trockenes Brötchen aus dem Korb und verschwand.

Als die drei Damen am Abend ins Hotel zurückkamen, stieg die Spannung. Rinaldo hatte Luigi an der Rezeption abgelöst. Er übergab ihnen die Zimmerschlüssel, wünschte „Buona Notte“ und wandte sich seinen PC zu. Lisa und Thea atmeten auf. Ihre Welt war wieder in Ordnung; niemand begehrte Helene. Die Blumenübergabe hatte sich als Irrtum oder Eintagsfliege erwiesen. Was sollte es auch anderes sein? Sie wollten gerade davoneilen, da hörten sie den Portier rufen: „Scusi, Signore, ich haben vergessen, eine Zimmermädchen hat gelegt in Kamera von Signora Maiwald eine, wie sagt man, eine Kasten mit Pralinen. Wurde abgegeben.“ Schweigend erreichte die kleine Prozessionsgruppe Zimmer 307. Und tatsächlich, da stand eine goldfarbene Versuchung von stattlicher Größe. Helene machte sich sofort daran, eine Nougatpraline zu naschen. Thea hingegen weigerte sich: „Man liest so viel von Verrückten. Vielleicht sind sie vergiftet.“ Lisa war anzusehen, dass sie mit Fortuna haderte, die ihr Füllhorn über dem falschen Wesen ausgeschüttet hatte. Das enorme Format der Bonboniere wurde als „unfein“ bezeichnet. Dann rauschten die beiden beleidigt hinaus.

Helene, von Vorahnungen durchdrungen, ließ am nächsten Morgen verlauten, ihre Garderobe benötige ein paar Highlights, die sie im Einkaufszentrum zu finden hoffte. Zum Nachmittagstee saßen die drei wieder friedlich vereint in der Hotelhalle. Inmitten eleganten Publikums ließen sie es sich gut gehen und probierten hausgemachte Kuchen. Etwas Besonderes lag in der Luft, etwas Entscheidendes würde geschehen und so warteten sie gespannt.

Ein Page rief Signora Maiwalds Namen aus und überreichte ihr einen Briefumschlag. Fassungslos sackten Lisa und Thea in sich zusammen. In unnachahmlicher Eleganz erhob sich Helene und teilte den vor Neugierde geröteten Gesichtern mit: „Euch interessiert doch sicherlich der Inhalt? Ein U. P. will mich heute um 20 Uhr zum Dinner ausführen.“

 Sie sagte tatsächlich „Dinner“ und nicht wie sonst „Abendessen“. „Entschuldigt mich! Er holt mich hier um 20 Uhr ab. Ich muss mich noch ein wenig hinlegen, damit ich hübsch aussehe.“

Es verstand sich von selbst, dass die Zurückgelassenen eine Lagebesprechung abhielten. Dieser Ausflug hierher war wirklich das Letzte. Wären sie doch nur in ihrer Ferienwohnung geblieben.

Ab 19.30 Uhr lungerten sie im Foyer herum, sich gegenseitig versichernd, man sitze ausschließlich hier, weil man sich Sorgen mache. U. P. sei wahrscheinlich ein südländischer Wüstling, der, darin kannten die Ladies sich aus, nur das Eine wolle. Als Ehefrauen waren einem schließlich auch die dunklen Seiten der Männer geläufig.

Um 19.45 Uhr knisterte die Hotelhalle vor unerträglicher Spannung. Die Aufzugstür wurde schwungvoll geöffnet und Helene, geschminkt, auf hohen Absätzen, in einem Traum in Türkis, tänzelte heran, eingehüllt in eine Duftwolke teuren Parfüms. Wer hätte gedacht, dass aus einem hässlichen Entlein ein leidlich hübscher Schwan werden könnte? Ihre Unterkiefer klappten wieder einmal nach unten, als ein ungemein stattlicher braungebrannter Herr mit grauen Schläfen lächelnd auf die anmutige Erscheinung zukam. Er küsste zwar nicht gerade der schönen Helena, aber doch wenigstens einer strahlenden Helene die Hand und machte sich mit dem Glückskind zu einem aufregenden Abenteuer auf, wie Thea vermutete. Zwei fassungslose Damen blieben zurück. Selbst nach mehreren Cognacs konnten sie sich nicht beruhigen. Da sie ziemlich lautstark ihr Schicksal beweinten, hielt es die Hotelleitung für angebracht, die beiden zu ihren Räumen zu begleiten, wo sie schnarchend ihren Kummer ausschliefen.

Die vielfach Beneidete hingegen saß im offenen Cabriolet von U. P., Umberto Ponti, und betrachtete dessen markantes Profil, das einer alten römischen Münze alle Ehre gemacht hätte. Ein spitzbübisches Grinsen überzog ihr Gesicht. Die prickelnde Luft und der noch blaue Himmel ließen erahnen, dass der Sonnenuntergang atemberaubend sein würde. Sie fühlte sich plötzlich wieder jung und bereit zu einem verrückten Erlebnis.

Es war schon ein toller Zufall gewesen, dass sie in dem Blumenladen ausgerechnet junge Leute aus dem Hotel getroffen hatte, die ihr anboten, den Bougainvillea–Kübel, den sie sich selber zum baldigen Geburtstag schenken wollte, mitzunehmen, da sie einen Mietwagen hatten. So konnte Helene entspannt weiterbummeln. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht. Erst durch die hysterische Reaktion ihrer Freundinnen war ihr der Gedanke gekommen, nichts zu verraten und den Spaß auszuweiten. Rinaldo, der Portier, der für nahezu alles eine Lösung wusste, war für einen größeren Geldschein bereit, sie zu unterstützen, nachdem sie ihn eingeweiht hatte. Zu Umberto war sie gekommen, wie ein Schoßhund zu Flöhen. Rinaldo war auch hier hilfreich gewesen, erinnerte sich eines Cousins dritten Grades, der seine Arbeit als Kellner in einer Trattoria verloren hatte, weil er seine gepflegten Hände nicht von der Frau des Besitzers lassen wollte. Natürlich würde Helene den heutigen Abend finanziell bestreiten müssen. Der schöne Umberto schenkte ihr sein aufregendstes Zahnpasta-Lächeln und legte besitzergreifend seine Hand auf ihr Knie. Wie hatte Rinaldo gesagt: „Für Geld tut Umberto wirklich alles.“ Und Geld hatte Helene wahrhaft genug.

 

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