Literatur-Nachrichten

Solange die Spieluhr sich dreht

Von Franziska Lange

Meine nackten Zehen graben sich in die feuchte Erde unter meinen Füßen. Der Wald liegt nahe der Stadt, fast so nahe, dass das Getöse des Verkehrs das Rauschen der Bäume übertönt. Die Bäume wiegen sich im Takt des Windes, auf und ab, beinahe als würden sie umschlungen von einer sanften Melodie.

Das Laub vor meinen Füßen wirbelt durch die Luft. Der kühle Herbstwind bläst mir vereinzelte Blätter in die offenen Haare. Schritt für Schritt berühren meine Füße den Waldboden, umso tiefer ich in den Wald vordringe, desto geschmeidiger bewegen sich meine Füße auf dem Boden.
Bald ist kein Getöse der Autos und keine Musik der Diskotheken mehr zu vernehmen.  Stillschweigend und gedankenverloren passiere ich den Pfad, der zu dem Berg mit dem Bächlein führt. Das Wasser purzelt über die Steine, die es davon abhalten gleichmäßig in den See zu fließen. Ich weiß sie würde dort sein, ich hatte sie dort gelassen, als ich das letzte Mal den Wald verlassen hatte. Dort unter dem Gestrüpp, welches den bemoosten Stein verbirgt. Ich erwische mich dabei, wie ich Zweifel hege, das zu finden, was ich suche. Doch dort, dort blitzt etwas auf. Es ist die Schnalle, die den kleinen Kasten verschließt. Mit rasendem Herzen streiche ich das Geäst beiseite und nehme den Kasten in meine Hände. Ein Schauder durchfährt meinen ganzen Körper, als ich den Verschluss mit zitternden Händen öffne und der Kasten aufspringt.

Das erste Mal hatte ich das Kästchen geöffnet, als ich tief und fest geschlafen hatte. Mein Traum-Ich führte mich in den Wald, wo ich zu dem bemoosten Fels gelangte. Die Verpackung war alt und das Holz feucht vom Tau. Es war eine Spieluhr darin. Die Ballerina in der Mitte, in einem himmelblauen Gewand, tanzend zu einer sanften, zarten Melodie hatte mich verzaubert. Ihre Arme verschmolzen in einer Schwungvollen Bewegung über ihrem Kopf. Nur ganz sachte, auf Zehenspitzen berührte sie kaum merklich den Boden unter ihren Füßen. Jedes Mal wenn sie anfing sich im Kreis zu drehen, hatte ich ein merkwürdiges Kribbeln verspürt. Erst in meinem Bauch, dann zog es hoch bis in meine Fingerspitzen. Ein Gefühl als würden sich meine Füße vom Boden erheben hatte meinen Geist erfasst. Und dann, wenn ich die Augen schloss um mich ganz dem Gefühl der Freiheit hinzugeben, erwachte ich in meinem Zimmer. Meist war ich enttäuscht gewesen, wütend dass ich es wieder nicht geschafft hatte. Es gelang einfach nicht, was ich auch tat, mein Traum endete an derselben Stelle.

Als ich nun in das anmutige Gesicht der Tänzerin blicke pocht mein Herz, als wolle es aus meiner Brust springen. Was würde geschehen, wenn ich die Spieluhr aufdrehe? Was passiert dann, wenn ich aufwache?

Ich wende die Spieluhr in meinen Händen, das Podest auf dem die Tänzerin steht ist an einigen Stellen eingerissen. Jetzt erst bemerke ich etwas, was mir sonst nie aufgefallen war. In die Rückseite der Spieluhr sind Worte geritzt. Ganz dünn und schwer zu entziffern. Alle meine Bemühungen scheitern, ich kann die Worte nicht lesen. Doch bedeutet dies nicht trotzdem, dass Jemand vor mir hier war. Die Spieluhr aufgedreht hat? Meine Finger umschließen den rostigen bronzefarbenen Griff am hinteren Teil der Spieluhr. Langsam und bedächtig fange ich an, an dem Griff zu drehen. Ich höre erst auf, als der Griff sich nicht weiter drehen lässt.

Sobald die Spieluhr wieder auf dem Stein steht, beginnt die Tänzerin mit ihrer Vorstellung. Sie dreht sich erst langsam, dann immer schneller und schneller. Ihr Kleid wirbelt um sie herum. Eine Melodie ertönt. Sanft, wie eine kühle Brise erfasst sie mich, hält mich an Ort und Stelle.

Klavierspiel? Geigenmelodie? Flötenklänge? Es klingt, als wären all diese Instrumente vereint. Es fühlt sich an als würde die Melodie mich tragen wollen, mich sachte anheben, sodass ich über dem Boden schwebe. Ein Kribbeln durchfährt meinen Körper. Ich bin mir im Klaren darüber, dass ich sonst genau an dieser Stelle erwache, doch die Musik beruhigt mich, betäubt meine Sinne.
Plötzlich wird sie leiser. Ich öffne meine Augen, weil ich meine, Flügelschläge vernehmen zu können. Ein Schrei, wie von einem Vogel holt mich zurück. Ich reiße die Augen weit auf. Nichts ist zusehen.

Meine Hände beginnen nun wirklich unangenehm zu kribbeln, ja beinahe zu brennen. Ich versuche sie zu bewegen, doch es will nicht funktionieren. Das Gefühl sie wären eingeschlafen wird von dem Gefühl, meine Hände würden in Flammen stehen abgelöst. Sie sind wie festgebunden. Ein stechender Schmerz durchfährt meinen Rücken und lässt mich auf die Knie fallen. Ich blicke zu meiner rechten und etwas Seltsames türmt sich dort auf. Es scheint als würde etwas aus meinem Rücken heraustreten. Es ist purpurrot und riesengroß. Ein Schmerz in meiner linken Hand lässt mich herumfahren. Meine Arme sind übersehen mit rot glühenden Adern und ich fühle, wie sie pochen und beinahe zerspringen. Plötzlich verschmelzen meine Arme mit dem roten Ding dass aus meinem Rücken sprießt. Meine Hände werden dünn, fast knochig. Sie verwandeln sich in Greifer, wie die eines Adlers. Von meinen Füßen bergauf spüre ich ein erneutes brennen, der Schmerz raubt mir fast den Verstand. Ich kann nur zusehen nicht denken. Und plötzlich auch nicht mehr atmen. Etwas Eisiges schnürt mir die Kehle zu, als würde mein Hals gefrieren. Ich blicke hinab auf meinen Körper und sehe wie sich meine Brust blau verfärbt, im völligen Gegensatz zu dem flammenden rot das immer noch von meinen Füßen an bergauf steigt. Hitze und Kälte durchströmen meinen ganzen Körper. Es reißt meinen Kopf in die Höhe und lässt mich die Augen zusammenkneifen. Ein Schwindelgefühl ergreift mich. Ich brauche Sauerstoff. In der Mitte meines Bauches  treffen sich Feuer und Eis. Es fühlt sich an als würde etwas in mir explodieren. Mein Schrei kann niemand hören, denn ich habe keine Stimme mehr. Ein anderer Ton kommt aus meiner Kehle. Es ähnelt einem Brüllen.

Langsam lässt das brennen nach, der stechende Schmerz im Bauch zieht sich zurück und die Eiseskälte verschwindet aus meinem Körper. Ruhig und viel langsamer als sonst schlägt mein Herz. Ich kann es hören. Nicht nur das, ich höre noch einen anderen Herzschlag. Ich höre die Flügel eines meinesgleichen weit über mir. Als ich die Augen öffne schrecke ich zusammen. Wie genau ich alles sehen kann. Wie klar die Umgebung ist. Wie weit in die Ferne ich schauen kann, ohne dass meine Umgebung verschwimmt oder gar unklar wird. Ich schnaube ungläubig und eine Flamme schießt durch meine Nase, versenkt einen Busch gegenüber von mir. Vorsichtig breite ich meine Flügel aus. Sie sind feurigrot und  durch sie hindurch schimmert das Licht der Sonne. Weich und seidig fühlen sie sich an, wenn ich mit ihnen mein schuppiges Gesicht streichle. Mein Blick fällt auf die Spieluhr. Die eingeritzten Worte brennen in einem purpurrot. Incensus avis.
Langsam setzte ich mich in Bewegung.

Schritt für Schritt berühren meine Krallen den Waldboden, umso weiter ich gehe, desto geschmeidiger bewegen sie sich auf dem Boden, umso schneller ich werde, desto leichter fühle ich mich. Ich breite meine Flügel aus und vollführe ein paar weite schwingende Bewegungen. Meine Füße streifen den Waldboden, bis sie vollkommen in der Luft hängen. Weit, weit über dem Wald bläst mir der Morgenwind ins Gesicht. Ich schaue nach unten, erkenne die sich drehende Tänzerin. Und wenn ich ganz, ganz leise gleite, höre ich die sanfte Melodie der Spieluhr.

 

 

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld