Literatur-Nachrichten

Die rettende Tür

Von Barbara Peters

Manchmal bedingen kleine Ereignisse, die auch einem genauen Beobachter kaum ins Auge fallen, Begebenheiten von ungeheurer Tragweite. Man denke an das Lindenblatt, das von einem Baum auf Siegfried, den Helden der Nibelungensage, hernieder trudelte,  als der junge Mann sein sagenumwobenes Lindwurmblutbad nahm. Das Blatt blieb auf dem Rücken des Helden kleben und sorgte  für die einzige verwundbare Stelle an dessen Körper. Für die Stelle, an der Hagen von Tronje später seinen Gegner mit dem tödlichen Speer durchbohrte.

Doch genug der Vorrede. Jeder Leser kennt ähnliche, zufällige Begebenheiten aus eigener Anschauung. Die Geschichte, die ich erzählen werde, trug sich vor nicht allzu langer Zeit zu.  Herr X., ein älterer Herr, verdankt es einem Geldstück, welches im Keller seines Hauses durch ein Loch in seiner Hosentasche  zu Boden glitt, dass seine langjährige Ehe bis heute glücklich hält.

Herr X. hatte mit seiner Ehefrau  vierzig Jahre in großer Zufriedenheit zusammengelebt, als er an einem schönen Sommertag in den wohlverdienten Ruhestand trat. Just an diesem Tag begannen seine Schwierigkeiten. Nun war es nicht so, dass X. ein Mensch war, der, sobald er in Pension ging, das Ruder am heimischen Herd an sich riss und der  Hausfrau, die in den vergangenen Jahrzehnten Haus und Garten zur Zufriedenheit der  Familie versorgt hatte, penibel Vorschriften machte, Verbesserungsvorschläge unterbreitete und dadurch den häuslichen Frieden auf das Ärgste gefährdete. Im Gegenteil, Herr X. fand an der Haushaltsführung seiner Eheliebsten nicht das Geringste zu bemängeln. Er half in Haus und Garten und fügte sich dabei  den Wünschen seiner Frau, die er für absolut kompetent hielt. Auch erwartete er nicht, dass sie nun, da er täglich daheim war, ihre Freizeitgestaltung auf ihn abstimmte. Wenn Frau X. mit ihren Freundinnen zur Gymnastikstunde oder zum Schwimmen ging, dann widmete er sich seinen Briefmarken, las all die Bücher, für deren Lektüre er während seiner Berufstätigkeit keine Zeit gefunden hatte, und spielte mit einem alten Freund Tennis.

Kurz  - das Rentnerleben des Ehepaares hätte eitel Freud und Sonnenschein sein können, wenn nicht –  die gemeinsamen Morgenmahlzeiten gewesen wären ...

Nach vierzig glücklichen Ehejahren erwies sich das Frühstück als Problem? Um dies zu verstehen, muss man wissen, was für ein Mensch Frau X. war.

Sie war eine kleine, dralle, ausgesprochen quirlige Person, immer guter Dinge und zu Scherzen aufgelegt und bis an den Rand angefüllt mit aufregenden, traurigen und spannenden Geschichten, die sie mit großer Freude und Beredsamkeit ihrer Umwelt mitzuteilen wusste. So war Frau X. schon immer gewesen und in den vierzig Jahren ihrer Ehe hatte sich daran nichts geändert. Ihr Mann, ein eher stiller, zurückhaltender Mensch, war von der Lebendigkeit seiner Frau vom ersten Tage an fasziniert gewesen und so hatte diese Eigenart seiner Gattin nicht unerheblich dazu beigetragen, dass Herr X. sich unsterblich in sie verliebte.

Wenn X. im Laufe seiner langjährigen Berufstätigkeit in den Nachmittagsstunden an den heimischen Herd zurückkehrte, so hatte er sich während der Busfahrt schon auf die Neuigkeiten gefreut, die seine Frau ihm während der Teestunde berichten würde. Er hatte es genossen, ihren amüsanten Erzählungen zu lauschen, die sich mit den Erfolgen und Missgeschicken der Kinder, mit dramatischen Begebenheiten im Leben der Nachbarn und unerhörten Entwicklungen in den Liebesdingen der weitverzweigten Verwandtschaft befassten. X. hatte in seinem Lieblingssessel gesessen, seinen Tee geschlürft, einen Keks geknabbert und ab und zu ein zufriedenes „Hmmm!“ zur Unterhaltung beigesteuert.

Die Familienmahlzeiten an den Wochenenden waren stets ähnlich und zu X.’s  Zufriedenheit abgelaufen. Nie hatte er sich darüber beklagt, da er für eine Klage überhaupt keinen Grund sah – es ging ihm gut. Er entbehrte nichts.

In seiner vierzigjährigen Ehe hatte er allerdings niemals zusammen mit seiner Frau gefrühstückt. Um an den Nachmittagen ausreichend Zeit für die Kinder zu haben, hatte er es vorgezogen, die Möglichkeiten der gleitenden Arbeitszeit auszuschöpfen. Täglich war er zwei Stunden vor seiner Familie aufgestanden, hatte in Stille und Einsamkeit sein Frühstück zu sich genommen, um dann guter Dinge das Haus zu verlassen. An den Wochenenden hatte er diese Gewohnheit beibehalten, ein ständiger Wechsel des Tagesablaufes war ihm unsinnig erschienen. Auch in den Familienurlauben hatte er sich den Luxus eines einsamen Frühstücks gegönnt.  Mit Beginn des Rentnerdaseins jedoch hatte er, ohne zu wissen, worauf er sich einließ, gemeinsam mit seiner Frau beschlossen, dass es nun an der Zeit sei, die kommenden Jahre mit zweisamen, gemütlichen Morgenmahlzeiten zu krönen.

Diese Entscheidung war ein großer Fehler. Die übersprudelnden Erzählungen mit denen Frau X. ihren Mann überfiel, bevor er die erste Tasse Kaffee getrunken hatte, amüsierten ihn nicht. Ihr fröhliches Gelächter, bei dem es ihm an den Nachmittagen warm ums Herz wurde, trieb ihn in der Frühe  zur Verzweiflung. Er wollte nichts anderes, als die morgendliche Ruhe genießen, dem Zwitschern der Vögel im Garten lauschen und schweigend seinen Gedanken nachhängen. Herr X. hatte es sich nämlich angewöhnt, all die kleinen Probleme, mit denen er im Laufe des Tages konfrontiert werden würde, in den einsamen Morgenstunden vor seinem geistigen Auge aufmarschieren zu lassen. Auch  durchdachte er genießerisch die Träume der letzten Nacht  oder holte sich gut formulierte Passagen der Romane, die er vor dem Einschlafen gelesen hatte, ins Gedächtnis zurück. Er sah keine Möglichkeit, dies seiner Frau verständlich machen, ohne sie zu verletzen. Deshalb schwieg er.  Er schwieg und litt. Und er veränderte sich. Er wurde gereizt und übellaunig. Frau X. bezog seine schlechte Laune naturgemäß auf sich – kurz, der Ehesegen des bisher so glücklichen Paares geriet ins Wanken.

In dieser misslichen Situation kam Herrn X. der Zufall in Form einer altertümlichen Fünfzigpfennigmünze zu Hilfe.

Eines Morgens, Herr X. hatte seine erste Tasse Kaffee noch nicht geleert, seine Frau aber bereits die dritte Anekdote von den Enkelkindern erzählt, war er vom Frühstückstisch aufgestanden, um aus dem Keller eine Flasche Orangensaft zu holen. Er erhob sich und legte das Mundtuch, das er noch nicht von seinem Serviettenring befreit hatte, hinter sich auf die Sitzfläche des Stuhles. Der aus einer seltsamen Wurzel geschnitzte Serviettenring war ein Erbstück und Herr X. liebte seine knorrigen Unebenheiten und seine asymmetrische Maserung.  X. ließ also das sorgfältig gerollte Damasttuch samt Wurzelholzring auf dem Küchenstuhl zurück und begab sich in den Keller.

Als er  vor dem Regal mit den Saftflaschen stand, fühlte er, wie etwas Kühles an seinem Bein herabglitt und mit leisem Klirren auf den Boden des Kellerraumes aufschlug. Herr X. erhaschte gerade noch einen Blick auf das silberne Geldstück, das unter dem Regal verschwand. Er bückte sich, die Münze unter dem Regal hervorzuziehen, und erstarrte erstaunt. Durch den Staub fiel ein Lichtstrahl.  Da sich hinter dem Regal nur die Kellerwand befand, konnte an dieser Stelle kein Lichtschein sein. Und doch: Dort lag die Münze friedlich im Schimmer des durch einen Spalt über dem Fußboden fallenden Lichtes. Von Neugierde gepackt,  räumte X. die Flaschen aus dem Regal und rückte selbiges von der Wand. Groß war sein Erstaunen, als er dahinter  eine schmale Tür entdeckte, die er noch nie zuvor gesehen hatte.

Auf einen leichten Druck seiner Finger öffnete sich die neue Tür. Sonnenlicht überflutete den Keller und X. blickte auf einen von Palmen gesäumten Sandstrand. Das kitschig blaue Meer wiegte zwei Segeljachten und Menschen, die X. vage bekannt vorkamen, räkelten sich auf bunten Liegen. Staunend betrachtete X. das wunderbare Bild. Nach einer Weile fühlte er sich an das letzte Kapitel der Reisebeschreibung, die er am vergangenen Abend gelesen hatte, erinnert.

Später wusste X. nicht mehr, wie viele Minuten er vor der geheimnisvollen Türe verbracht hatte. Es musste lange gewesen sein, das war ihm klar. Man kann sich also seine Befürchtungen vorstellen, als er in die Küche zurückkehrte. Während er die Kellertreppe erklomm, legte er sich zurecht, wie er seiner Frau sein langes Fernbleiben erklären wollte. Mit schuldbewusster Miene öffnete er die Küchentür und erstarrte. Was er sah, war der Rücken seiner Frau, die sich zu dem Platz hinüberbeugte, auf dem er, Herr X., sitzen sollte, und die lebhaft von einem Treffen mit ihrer Freundin berichtete. War es schon erstaunlich, dass Frau X.  mit seinem leeren Stuhl sprach, so war Herrn X.‘s Schrecken ungleich größer, als er sich plötzlich „Hmmm!“ sagen hörte. Jetzt lehnte Frau X. sich auf ihrem Stuhl zurück, nahm ein Brötchen aus dem Brotkorb und gab so den Blick auf den leeren Stuhl frei. Den leeren Stuhl? Der Stuhl war nicht leer! Herr X. erblickte dort einen Mann, der ihm glich, wie ein Ei dem anderen. Vollkommen fassungslos allerdings war Herr X., als es ihm mühelos gelang, den auf dem Stuhl liegenden Serviettenring samt Mundtuch aufzunehmen und mit dem ihm fremden und doch vertrauten, anderen Ich einfach zu verschmelzen. Ja, er nahm den ihm angestammten Platz wieder ein, ohne seine Frau in ihren Erzählungen auch nur im Mindesten zu stören.

Seit diesem mysteriösen Erlebnis entflieht Herr X.  jeden Morgen für kurze Zeit in den Keller. Dort  öffnet er die geheimnisvolle Tür, hinter der sich, zu seiner großen Freude, die unterschiedlichsten Landschaften und Gegebenheiten befinden. Herr X. verbringt dort erquickende Minuten, manchmal auch eine halbe Stunde, während sich allmorgendlich das Alraunenwurzelholz des Serviettenrings in Herrn X.‘s zweites, geduldigeres Ich verwandelt. Gestärkt betritt Herr X. jedes Mal die Küche, froh, seine liebe Frau so zufrieden zu finden und dankbar für den kleinen Ausweg, den eine zufällig durch ein Loch in der Hosentasche gerutschte Münze und ein hölzerner Serviettenring ihm geschenkt haben.

 

1 Kommentar/e

1. Britta Schneemann 08.09.2014 00:47h 
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Liebe 'Mit-Gewinnerin', das ist eine sehr schöne Geschichte, inhaltlich und stilistisch! Es hat richtig Spaß gemacht, sie zu lesen!

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