Literatur-Nachrichten

Die Verwandlung

Von Britta Schneemann

Schon beim Blick in den Spiegel hätte es mir auffallen müssen, aber man sieht wohl nur, was man zu sehen erwartet. Jetzt bin ich froh, dass ich mich ahnungslos auf den Weg nach draußen gemacht habe.

Auch im Supermarkt fiel es mir nicht auf. Morgens ist es nichts Besonderes, viele ältere Leute zu sehen. Sie stehen oft früh auf und kaufen ein, solange die Jüngeren bei der Arbeit sind. - Doch! Jetzt fällt mir ein, dass ich an der Kasse kurz auf die lange Reihe der grauen Häupter geschaut habe. Hellgrau, dunkelgrau, weiß … Aber ich registrierte es nur unbewusst.

Erst als ich wieder auf der Straße war und eine Freundin traf, stutzte ich. Ich kannte sie mit dunkelbraunem Haar und wäre beinahe an ihr vorbeigegangen. Doch dann fiel mein Blick auf ihr Gesicht, und ich grüßte sie überrascht. „Du hast ja eine andere Haarfarbe! Ich hätte dich fast nicht erkannt!“ – Sie schüttelte verwirrt den Kopf. „Naja, es hängt vom Licht ab. Manchmal glänzen sie rötlich, manchmal sehen sie einfach braun aus.“

Ich schwieg. War sie verrückt geworden? Ihre Haare sahen weder rötlich noch braun aus, sondern einfach grau, vorne an den Schläfen hellere Strähnen. „Was ich sehe, ist grau“, erwiderte ich vorsichtig. „Jetzt geht’s aber los! Vielleicht siehst du heute schwarzweiß. Deine sind übrigens jetzt wirklich weiß. Es fällt ja nicht so auf, weil du sowieso helle Haare hast.“

Es machte mir nichts aus. Diese Kommentare kannte ich schon. Doch wenn ich bei meiner Arbeit im Altenheim neben einer Bewohnerin vor dem Spiegel stand, sah ich noch den Unterschied zwischen weißblond und weiß. Spiegel, das war eine Idee! Ich holte einen kleinen Spiegel aus der Tasche. Bevor ich ihn meiner Freundin gab, schaute ich selbst hinein. Heute sahen meine Haare tatsächlich weiß aus, vielleicht weil die Sonne darauf schien. Ich gab den Spiegel weiter, da stieß meine Bekannte einen Schrei aus. „Was ist los mit mir? Das gibt’s doch nur im Gruselfilm, wenn jemand etwas Schreckliches gesehen hat! Meine Haare sind grau! Ich sehe zehn Jahre älter aus!“

Ich legte ihr den Arm um die Schultern und wollte sie trösten, aber ich war selbst ratlos. Ihr Erschrecken war so echt. Aber konnte es sein, dass Haare sich spontan entfärben? Es war eine unheimliche Vorstellung. Nun fiel uns auf, dass an verschiedenen Stellen Leute zusammenstanden und aufgeregt diskutierten. Ganz in unserer Nähe standen zwei grauhaarige Damen, die auch erst in unserem Alter zu sein schienen, und wild gestikulierten. Wir gingen zu ihnen und erfuhren, dass sie ungefähr dasselbe erlebt hatten wie wir. „Das gibt’s doch nicht!“, sagte ich und spürte, dass etwas Einschneidendes geschehen war. Weil meine Freundin sich gar nicht beruhigen konnte, fuhr ich mit ihr zum Drogeriemarkt.

Schon von weitem sahen wir, dass der Parkplatz komplett belegt war, und auch die Straßenränder in der Nähe. Wir parkten beim gegenüberliegenden Baumarkt und machten uns von dort auf den Weg. Am Eingang des Drogeriemarktes hatte sich eine große Traube von Menschen gebildet, die anscheinend alle nicht mehr hineingehen konnten. Auch ein Krankenwagen stand am Eingang, und vier Polizisten bahnten sich einen Weg durch die Menge. Dann hörten wir von allen Seiten Gemurmel: „Haarfarben sind restlos ausverkauft!“ „… Laden räumen …“ „… nach Hause gehen …“ Einige Leute kamen noch mit Haarfarbe aus dem Drogeriemarkt. Sie mussten sich beeilen, zu ihren Autos zu kommen, weil sie von den Umstehenden bedrängt wurden. Manche boten sogar hohe Summen für die gekauften Haarfarben.

Plötzlich hörte man eine Stimme durch ein Megaphon. „Jetzt seht ihr alle so aus, wie ihr wirklich ausseht. Was ist schlimm daran?“ Alle Köpfe drehten sich in Richtung der Stimme. Ein Hippie wie aus früheren Zeiten stand auf einer Holzkiste. Es war fast ein lächerliches Bild, zumindest ungewohnt. Er hatte langes graues Haar, und das wohl nicht erst seit heute. Irgendwie schien er in sich zu ruhen und wiederholte mit missionarischem Eifer seine Botschaft. Was mich ansprach, war außer der Botschaft selbst die Tatsache, dass er sie nicht mit Häme verkündete. Aus seiner Stimme sprach Verständnis, sogar Liebe. Er schien die Menschen so anzunehmen, wie sie sind. Es ging etwas Warmes, Tröstliches von ihm aus.

„Was müht ihr euch ab? Jede Farbe ist euch recht außer eurer eigenen. Warum lasst ihr euch einreden, dass ihr nicht schön seid?“ Ich sah mich um. Meiner Freundin standen ihre grauen Haare gut. Sie sah reifer aus, weicher! „Du BIST schön!“, sagte ich spontan zu ihr, ohne weiter darüber nachzudenken, wie sie es aufnehmen würde. Tränen liefen ihr über die Wangen. Der Schock saß wohl immer noch tief. Aber es schien kein trauriges Weinen zu sein. „Es wäre ja so schön, nicht mehr kämpfen zu müssen!“, seufzte sie. „Was sind wir albern! Wir versuchen mit Farben etwas anderes aus uns zu machen. Dürfen wir nicht so sein, wie wir von Natur aus sind?“

‚Nicht mehr kämpfen zu müssen‘, klang es mir in den Ohren. So hatte ich das noch nicht gesehen. Es war einfach Gewohnheit und machte auch irgendwie Spaß. Aber bevor man ein höheres Alter erreicht hatte, war es tatsächlich fast eine gesellschaftliche Pflicht, sich die Haare zu färben. Es kostete manchmal viel Zeit, bis der richtige Ton gefunden wurde. Viele Überlegungen, missglückte Experimente, viel Geld, viel Pflege, um die Schäden auszugleichen.

Die Stimmung der ganzen Menschenmenge schien sich zu drehen. Die Leute versuchten, einander zu trösten und machten sich gegenseitig Komplimente. Langsam löste sich die Versammlung auf. Einige gingen zu dem Mann auf der Holzkiste, um mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ich musste erst mal zur Ruhe kommen. Die Botschaft hatte ich verstanden, das war die Hauptsache.

Viele Wochen später

Nachdem das Thema den Weg aller Top-Nachrichten gegangen war, also unzählige Sondersendungen, Talkshows und Online-Beiträge später, war ein wenig Ruhe eingekehrt. Es war tatsächlich so, dass jedes Haarefärben sinnlos geworden war. Die Haare nahmen die Farbe einfach nicht an, sie wurden nur spröde durch die Behandlung. Die ganze Welt hatte ein anderes Gesicht bekommen.

Es gab fast nur noch grauhaarige Politiker auf dem Bildschirm. Ältere Schauspieler mit blondem, braunem oder schwarzem Haar gab es nur noch im Film. Bei den Talkshows sah man sie mit ihrer echten Haarfarbe oder gar nicht mehr. Manche hatten die Ereignisse zum Anlass genommen, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen.

In der Gesellschaft war eine neue Gelassenheit zu spüren. Die Menschen schienen mehr zu sich zu stehen als früher. Eine Dame, die ich vom Chor kannte, eröffnete mir eine neue Erkenntnis. „Mir kommt es so vor, als seien die Leute rücksichtsvoller geworden. Vorher fühlte ich mich oft angetrieben oder belächelt, weil ich irgendetwas nicht schnell genug machen konnte. Heute scheint man mehr Geduld mit mir zu haben. Die Verkäuferinnen sprechen deutlich mit mir und warten geduldig, bis ich das Geld auf den Tisch gelegt habe. Wir haben uns früher künstlich jung gemacht und uns gewundert, dass man uns das abgekauft hat. So haben wir uns selbst unter Druck gesetzt.“

„Ich denke gerade an eine hundertjährige Dame. Wenn ich ihr sagen würde: ‚Sie sehen zwanzig Jahre jünger aus‘, würde sie nur schmunzeln. Irgendwann ist es egal. Warum soll es besser sein, an einer anderen Stelle des Weges zu sein, als man ist? Mit fünfzig wollen wir aussehen wie vierzig, mit siebzig wie sechzig und so weiter. Also können wir uns nie über ein Alter freuen, weil wir immer denken, dass ein anderes besser ist.“ Wir konnten beide darüber lachen, weil wir durch die ganze Sache unsere Lektion gelernt hatten. Da es keine Chance mehr zur künstlichen Veränderung gab, war unser Kopf war frei für die wichtigen Dinge.

Die ganze Stadt war frei von künstlichen Haarfarben. Die ganze Stadt? Nein! Eine Dame leistete tapfer Widerstand. Wir sahen sie auf der anderen Straßenseite: Viele Falten im Gesicht und rotbraunes Haar. Die Leute lächelten nachsichtig. Perücken gab es natürlich immer noch!

 

1 Kommentar/e

1. Joachim Zettel 12.09.2014 10:20h 
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Ein Text der zum Nachdenken anregt. Ob ich wirklich alle Frauen ab Mitte 40 nur noch mit grauen Haaren sehen möchte? Ich glaube es nicht. Sorry. Auf jeden Fall ganz toll geschrieben und sprachlich auf hohem Niveau.

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