Literatur-Nachrichten

Spring Schneewittchen

Von Alexandra Bex (16 Jahre)

Schneewittchen war der Name, unter dem sie alle kannten, doch niemand kannte sie wirklich. Sie hielt sich bedeckt und lebte für sich, denn sie wollte nicht, dass irgendjemand herausfand, was sie zu verbergen hatte. Es war keine Gabe, es war ihre Bestimmung. Sie wusste nicht, wer es ihr gezeigt hatte. Es war möglich, dass sie es einfach schon immer gewusst hatte. Sie konnte in jede Person einer Geschichte schlüpfen, die sie zeichnete. Dafür musste sie nur eines tun: Springen.

Sie saß wieder auf dem Balkon, gut versteckt vor den Menschen auf der Straße und schloss die Augen. Ihre schwarzen Haare, ihre roten Lippen und ihre schneeweiße Haut hatten ihr ihren Namen eingebracht. Schneewittchen. Sie lächelte, griff nach dem Stift, der neben ihr lag und begann mit geschlossenen Augen zu zeichnen. Sie zeichnete einen Palast im Orient. Aladdin flog auf einem Teppich und Jasmin, die Prinzessin, stand mit ihrem Tiger auf einem Balkon und winkte. Sie öffnete die Augen und blickte auf die Zeichnung. Dahin also würde sie heute gehen. Er sollte doch stolz auf sie sein und sie wollte dazugehören, Teil einer Geschichte werden. Sie nahm den Zettel in die Hand und ein kleines, gezeichnetes Portrait von ihr in die Andere. Damit kletterte sie vorsichtig auf die Brüstung des Balkons, schaute auf die Zeichnung von Jasmin und sprang.

Sie schlug die Augen auf. Blauer Satin umhüllte sie und ein Tiger stand neben ihr. Mal wieder hatte sie es geschafft. Die Verwandlung war perfekt. Vorsichtig strich sie dem Raubtier über den Kopf und winkte Aladdin zu, der an ihr vorbeiflog. Durch die Balkontür gelangte sie in den Palast. Vorhänge aus Seide und der Duft aus 1001 Nacht. Sie hatte alles was eine Prinzessin brauchte. Es klopfte an einer der zahlreichen Türen, doch schnell verschwand sie wieder auf dem Balkon. Was sollte sie sagen, wenn jemand herein kam? So gut kannte sie Jasmins Geschichte nun auch nicht, und was war, wenn dieser Teil der Geschichte noch gar nicht geschrieben war? Ein letztes Mal strich sie dem Tiger liebevoll über das gestreifte Fell und nahm ihr Portrait in die Hand. Mit ihren Prinzessinnenschuhen kletterte sie auf die Brüstung des Balkons, sah ihre Zeichnung an und sprang.

Sie stand wieder auf dem Mauervorsprung ihres Balkons und der Lärm der Großstadt umhüllte sie. Er würde stolz auf sie sein. Denn sie schaffte das Unmögliche. In ihrer Wohnung nahm sie ein neues Blatt Papier und zeichnete ein neues Portrait von Aladdin. Ihre Zeichnung hängte sie an die Pinnwand, gespickt mit ihren Erlebnissen. Dort hingen nebeneinander Erinnerungen von ihren Verwandlungen. Neben einem Bild von Sherlock Holmes, hing ein Portrait von Natascha Romanov. Sie lächelte und erinnerte sich an die fantastischen Stunden als Agentin von S.H.I.E.L.D zusammen mit dem gut aussehenden Clint Barton. Sie hatten zusammen gegen das Böse gekämpft. Ein Lächeln huschte über ihren Lippen. Und gleich neben Aladdin hing ein Bild von Arielle. Ihre Geschichte war magisch gewesen. Einfach wundervoll. Dennoch, es gab noch soviel zu erleben. Der Tag war noch lang, deshalb ging sie im Park spazieren. Das Portrait von ihr hatte sie immer bei sich, egal wo sie hinging. Würde sie ohne das Bild springen, könnte sie nicht mehr zurückkommen.

Die Sonnenstrahlen wärmten ihre Haut und für einen kurzen Moment blendete sie alle Menschen um sich herum aus und träumte davon, die Person zu finden, dessen Platz sie einnehmen wollte. Für immer. Und ewig? Gedankenverloren setzte sie sich auf eine Bank, nicht weit entfernt von einem Fluss und betrachtete den stetigen Strom des Wassers. Sie schloss die Augen und da kamen sie, die Bilder. Schnell griff sie sich den Stift und das Papier aus ihrer Tasche und begann zu zeichnen. Eine junge Frau stand auf einem hohen Felsen und blickte aufs Meer hinaus. Sie war eine Indianerin und allem Anschein nach war sie Pocahontas. Langsam öffnete Schneewittchen wieder die Augen und blickte auf ihre Zeichnung. Die neue Welt. Dahin würde ihr nächster Sprung sie führen. Eine wilde Welt, in die sie springen wollte. Noch nie hatte sie die Bilder in ihrem Kopf ignoriert. Noch nie hatte sie sich geweigert zu springen, denn sie wollte doch springen, oder? Also nahm sie erneut die Zeichnung von sich und die von Pocahontas in die Hand und machte sich auf den Weg zu einer naheliegenden Brücke. Im Schatten einer Säule kletterte sie über den Rand, blickte auf Pocahontas' Zeichnung herab und sprang erneut an diesem Tag.

Als sie die Augen aufschlug, flog ihr schwarzes Haar im Wind und sie stand barfuß auf dem Felsen, den sie bereits gezeichnet hatte. Hinter ihr vernahm sie ein Geräusch und der niedliche Waschbär sprang auf ihre Schulter. Sie lief in den Wald. Ihre nackten Füße genossen das kühle Gras und die Geister des Windes spielten in ihren Haaren. „Pocahontas.“, rief jemand. Sie blieb stehen und drehte sich um. Ein Indianermädchen stand hinter ihr und lächelte sie an. Leider hatte sie keine Ahnung wie sie hieß. „Komm, wir suchen dich schon alle.“ „Ich komme gleich!“, rief sie ihr zu und rannte erneut zum großen Felsen. Ihr Portrait in der Hand breitete sie die Arme aus und sprang dem Meer entgegen.

Berauscht vom Gefühl des Windes, stand sie wieder auf der Brücke. Sie atmete einmal tief durch und blickte sich um. Die Ruhe des Waldes, die sie bis dahin umgeben hatte, bildeten einen starken Kontrast zum Lärm der Stadt, der sie nun wieder umgab. Ein Passant warf ihr neugierige Blicke zu. Ihr war klar, was er dachte. Dass sie so aussah, wie ein lebendiges Abbild von Schneewittchen. Vielleicht würde auch sie einmal in die Gestalt von Schneewittchen schlüpfen können. Auf ihrem Weg nach Hause, träumte sie immer noch vom Wind. Sie hatte noch nie Angst davor gehabt, in ihren Verwandlungen zu sterben. Sie war sich noch nicht einmal sicher, ob sie als eine andere Person sterben konnte. Dennoch, ausprobieren wollte sie vieles, nur das nicht … sterben. Sie wollte in Geschichten schlüpfen, in Geschichten, die sie ihre Welt vergessen ließen. Geschichten mit guten und bösen Menschen. Geschichten voller Frieden und Hoffnung und Geschichten voller Dunkelheit und Furcht. Vielleicht würde sie schon nach der nächsten Verwandlung wissen, dass sie bleiben wollte. Diese Entscheidung würde alles verändern. Doch sie würde nicht zurückkommen können. Niemals. Und bei jedem neuen Sprung in eine andere Welt hoffte sie, nicht die falsche Entscheidung zu treffen. Denn was wäre, wenn sie zurück wollte? Doch das würde nicht möglich sein.

Ob ihr ein Leben als Natascha Romanov gefallen hätte? Bestimmt, aber vielleicht war ein Leben als ewiger Held auch nicht das Richtige für sie. Ganz knapp war sie damals dem Tod entronnen und war zum Glück noch rechtzeitig gesprungen. Immer noch in Gedanken versunken, kam sie zu Hause an und setzte sich gleich auf das Sofa, um das Indianermädchen zu zeichnen.

Plötzlich stockte sie. Was war, wenn sie sich in das Opfer eines Mörders verwandeln würde? Was wäre, wenn sie in der Geschichte von Jean-Baptiste Grenouille landen würde oder in einer Geschichte, in der ein anderer Serienkiller sein Unwesen trieb? Aber vielleicht war das auch gar nicht möglich, denn bisher war sie nur in schönen Geschichten gelandet. Sie vertraute in eine nicht zu erklärende Macht, dass ihr nicht geschehen würde, egal wohin sie auch sprang. Sie musste nur Vertrauen haben. Vertrauen. Vertrauen war ihr Schlüssel zum Glück. Jeder Mensch sollte dieses Vertrauen haben, vor allem das Vertrauen in Geschichten, denn kein Mensch war allwissender als Bücher und beschriebenes Papier. Die Zeichnung des Indianermädchens hängte sie auch an die Pinnwand. Dann beschloss sie erst etwas zu essen, bevor sie erneut springen würde, denn der Tag war noch lang. Ihr Teller mit Essen war schnell geleert und sie lauschte in die Wohnung. Die Stille füllte ihre Ohren. Allein. Allein war sie schon lange. Solange wie sie sich erinnern konnte, war sie allein gewesen. Immer allein. Aber das war ihr Leben. Ein Leben voller Abenteuer, aber auch ein Leben voller Einsamkeit. Vielleicht war das der Grund, warum sie in einer Geschichte bleiben wollte. Wollte sie vielleicht nicht ihre Rolle spielen? Schnell schob sie den Gedanken beiseite und schloss die Augen. Und schon waren sie da, die Bilder, und sie tauchte in eine andere Welt ein. Ein Mädchen stand am Fenster eines Schlosses. Ihr Haar war schwarz, ihre Lippen waren rot und ihre Haut glich dem Schnee vor dem Fenster. Das Mädchen trug eine Krone. Vor dem vereisten Fenster tanzten Schneeflocken im grau der Wolken. Sie öffnete die Augen und flüsterte leise vor sich hin. „Weiß wie Schnee, rot wie Blut und schwarz wie Ebenholz.“ Es war also so weit. Sie würde in die Geschichte ihres Namens eintauchen. Schnell zeichnete sie Schneewittchen und nahm erneut ihr Portrait in die Hand. Schon war sie aus der Tür. Für diesen Sprung hatte sie sich etwas Besonderes ausgedacht. Sie stieg ins Auto und ließ ihre Wohnung und die Großstadt hinter sich. Schon immer hatte sie es sich vorgestellt wie es sein würde, sich in diese ganz besondere Person verwandeln zu können. Felder flogen an ihr vorüber, wie ein grünes, wogendes Meer. Vögel flogen über den mit Schäfchenwolken bedeckten Himmel. Als sie endlich angekommen war, stockte ihr Herz. So hatte sie es sich vorgestellt. Das Gras schlug Wellen als sie ausstieg. Sie war an ihrem Rand der Welt angekommen. Als kleines Kind hatte sie sich das Ende der Welt immer so vorgestellt, wie es nun vor ihr lag. Das Meer, die Einsamkeit, der blaue Himmel und eine steile Klippe. Und dort war ihr Ziel. Am Rande der Klippe nahm sie die Zeichnungen in die Hand. Ein letztes Mal blickte sie sich um, denn nun würde es für immer sein. Spring Schneewittchen, flüsterte sie und sprang. Das Bild von ihr blieb einsam im hohen Gras zurück. Die Welt würde sich an sie erinnern, doch es war als hätte sie nie gelebt. Er würde auf sie warten egal in welcher Welt sie sich gerade befand, das wusste sie genau. Vielleicht würde sie irgendwann zu ihm finden.

1 Kommentar/e

1. Eine Freundin :) 16.10.2014 18:53h 
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Tolle Geschichte, fantasievoll, geheimnisvoll und bringt einen irgendwie zum Träumen!

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