Literatur-Nachrichten

Bauer? Kuh!

Von Katharina Lukas (11 Jahre)

KUH

Ich( Louisa die Kuh) langweilte mich fast zu Tode. Gott, die anderen Kühe waren echt sowas von kuhdumm! Wie passend die Bezeichnung dumme Kuh doch war! Warum war ich die einzige Kuh auf dieser Welt, die nicht dämlich war?! Während ich über rechnen im Allgemeinen und Rechtschreibung im Besonderen nachdachte, waren die überwiegenden Gesprächsthemen meiner Mitbewohner Fressen, wer den größten Fladen machte und ähnliches. Wie sehr ich mir doch wünschte, einmal in meinem öden Leben Mensch zu sein.

Geschichte zu schreiben, mithilfe von Großschreibung und Quadratzahlen. Das war mein einzig wahrer Traum( sonst hatte ich ja keine, mal abgesehen von dem Wunsch, dass es meinem kleinen Kalb nicht so erging wie seinem Vater, der Zuchtbulle und nur zur Begattung auf unserem Hof gewesen war. Ich hielt immer noch die Wunschillusion aufrecht, dass er eines Tages zurückkehren und mich lieben würde). Durch das ganze Philosophieren wird man ja aber, besonders als gewöhnliches Fleckvieh, relativ schnell müde. Da war es nicht verwunderlich, dass ich eindöste, ohne Bruno( meinem Kalb) Milch zu geben. Als ich aufwachte, war weit und breit kein Bruno in Sicht. Ich muhte ein paarmal, bis mir auffiel, dass überhaupt keine anderen strohdummen Kühe auf der Weide standen. Im ersten Moment freute ich mich, bis unser Bauer, der ebenfalls ( besonders ) dumme Hans, auf mich zugerannt kam. Den Bauern mochte ich auf unserem Hof am allerwenigsten. Ich weiß auch bis heute nicht, warum genau, ich vertraute einfach auf meinen kuheigenen Instinkt, der besagte: Hasse diesen Mensch( Obwohl, der Grund könnte, bei genauerem Betrachten, sein, dass der Bauer jeden Abend haufenweise Würstchen in sich reinstopfte, die alle nicht vegetarisch waren, oder zumindest nicht so aussahen) ! Als nächste Absonderlichkeit viel mir auf, dass es regnete. Richtig stark. Deswegen lief der Bauer wohl auf mich zu. Ich blieb stehen, was keine gute Idee war. Hans( der dämliche Bauer ) rannte volle Kanne in mich rein und stürzte mit mir in den Elektrozaun. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, schlug auch noch ein Blitz ein. Ich wurde bewusstlos, was an sich doch eigentlich ebenfalls nicht verwunderlich war.

Dann, nach einer ganzen Weile, schlug ich die Augen auf und erkannte… eine grüne Decke. Und eine Wand. Die auch grün war. Und ich fühlte mich irgendwie schwer ( ich war nun einmal eine schlanke UND kluge Kuh ), schwerer als sonst. Und warum war meine Haut so rosa? Ich rappelte mich auf und ging, etwas betäubt, in den Gang hinaus. Von dort aus lief mir eine Frau in die Arme und nannte mich Hans. War die Frau etwa die Bäuerin? Sie erdrückte mich fast mit ihrem Schwabbelbauch und dem billigen Parfum. Als ich endlich freikam, redete sie wild auf mich ein, nahm mich am Arm und führte mich über die Straßenseite von dem grünen Gebäude weg in ein farbloses mit Leuchtreklame, auf der zu lesen war: ALDI. Die Frau führte mich herein, lud einen Einkaufswagen voll (überwiegend waren es die Ekelwürste, die der Bauer sonst immer auf der Terrasse zu verspeisen pflegte, begleitet von ein paar durchgeweichten Scheiben Brot und einem Käse, der halbvergammelt war).Weiter ging es zu der Kasse, wie man auf auch auf einem Schild lesen konnte( ja, ich konnte lesen), wo die Bäuerin(meine/ Hans` Frau ?) mit einem Geldschein bezahlte, den Einkauf in Tüten verfrachtete und mich auf einen Gehsteig zog. Zuhause angekommen, wurde ich wider meinem Erwarten NICHT auf die Weide gescheucht, sondern in das Holzhaus, das etwas abseits der Wiese stand. Ich als überzeugte Vegetarierin (viele Alternativen hatte ich ja letztendlich auch nicht) konnte den Geruch von den frisch ausgepackten nicht ertragen, wohl aber die Bäuerin. Sie schlang tonnenweise Fleisch und Käse runter, in einer Rekordzeit, wie ich zurecht empfand, währenddessen mümmelte ich verstohlen und auch ein bisschen schuldbewusst(die Bäuerin dachte offensichtlich, ich wäre ihr geliebter/ nicht so sehr geliebter/ was auch immer geliebter Ehemann, und verdenken konnte man es ihr ja schlecht) an einer halbwegs intakten Brotscheibe, die verdächtig wässrig aussah.


BAUER

Als ich(Hans, der Bauer) wieder aufwachte, sah ich mich zunächst betölpelt um. Dann registrierte mein Unterbewusstsein: ich bin eine Kuh(Stier oder meinetwegen sogar Ochse wäre natürlich besser gewesen, aber jedem das seine), während mein Gehirn registrierte: Ich bin eine Kuh!!! JUHU!!! MUH!!! ICH WOLLTE SCHON IMMERMAL… Stier(oder, wenn es gar nicht anders geht, auch gern Ochse) sein.

Ich dachte nach(das war für meine Verhältnisse schon eine Leistung für sich), bis ich zu dem Ergebnis kam: Kuh ist auch gut.

Nachdem ich soweit nachgedacht hatte( wie gesagt eine beachtliche Leistung), kam ein komischer Mann auf die Weide. Zu diesem Zeitpunkt blickte ich mich das erste Mal richtig um und bemerkte, dass keine anderen Vertreter meiner Art anwesend waren. Für sich schon ungewöhnlich genug, stolzierte der Mann nun auf mich zu und sah dabei so gar nicht aus wie jemand, der etwas von Kühen versteht. Nach einer dreiviertel Ewigkeit, die der Fremde brauchte, um zur mir zu kommen, standen wir uns gegenüber und merkten: wir beide wussten nicht so recht, was passiert war.


KUH

Danach(nach dem Kauen und Verdauen des Brotes) schob ich den Stuhl von mir  weg und ging, unter den merkwürdigen Blicken meiner Bäuerin, durch den Hintereingang auf die Weide und zu der Kuh, die verlassen auf der Weide stand, anscheinend nicht so recht wusste, was sie tun sollte, und von der ich vermutete, dass sie der Bauer war, eine Vorgang, der eine längere Zeit in Anspruch nahm, was zum einen an den Absätzen der Schuhe lag, zum überwiegenden Teil aber an meine mangelnden Fähigkeiten, auf zwei Beinen zu gehen. Nach diesem schwierigen Teil, der mindestens eine ganze Ewigkeit verbrauchte(wenn nicht mehrere, zum Beispiel neun), blickte ich der dumm aus der Wäsche schauenden Kuh tief in die Augen und sah darin… Frohsinn. Und Angst.


BAUER

Ich hatte tierische Angst(wortwörtlich gemeint) davor, dass dieser fremde, komische Mann(der nebenbei bemerkt exakt so aussah wie ich) mir alles wegnahm, was ich mir so mühsam aufgebaut hatte(eigentlich hatte ich mit absolut gar nichts mühsam aufgebaut, aber wer lobt sich nicht schon mal selbst, wenn niemand anders diese Aufgabe übernimmt?), und ebendieses Gefühl drückte ich nun bemüht unterdrückt aus. Also starrte ich den Mann einfach weiter an und hoffte so, ihn von meiner Weide(Gott im Himmel, ich dachte sogar schon wie eine Kuh(Stier)!) zu vertreiben. Und zu meinem Erstaunen klappte mein wagemutiges Vorhaben auch: Der Mensch zog ab!

Aber jetzt, wo ich mein Revier verteidigt hatte, musste ich essen. Das stellte mein ohnehin schon stark überfordertes Gehirn endgültig in die Ecke: Ich war entschieden KEIN Vegetarier/ KEINE Vegetarierkuh! Als ich, durch meinen Hunger angespornt, doch zögerlich, und ganz gegen meine Natur, an einem Grashalm kaute, musste ich, wie schon so viel anderes, feststellen, dass Kühe Wiederkäuer sind.


KUH

Die blöde Kuh starrte mich ernsthaft dämlich an!!! Aber so richtig!!! Was erlaubte sich das Mistvieh denn?!?!?! Gerade, als ich zu einer Schimpftriade ansetzen wollte, fiel mir Bruno ein. Was wohl mit meinem armen, kleinen Kalb passiert war? Und wie sollte ich ihm erklären, dass seine Mutter ein Mensch war? Wegen all diesen und noch weiteren Fragen ließ ich von der Kuh ab, die aussah wie ich als Tier, und wanderte gedankenverloren zu dem Stall hinüber.

Als ich da ankam, hörte ich merkwürdige, extrem merkwürdige, geradezu außerirdische Musik(konnte man dieses Geräusch überhaupt als solche bezeichnen?), und, als ich die Stalltür öffnete, ein seltsames Gegröle. Inmitten von Bierflaschen saß mein kleines Kalb auf allen Vieren auf einem Strohbündel, vor sich ein komisches Schild, auf dem zu lesen war: BRUNO MARS UNORTHODOX JUKEBOX. Ich drehte fast durch: Was war das denn für ein unorthodoxer Scheiß, den mein armer Bruno so gierig in sich aufsog(damit meine ich, dass er wie eine Besessener vor dem Kassettenrekorder hockte und die Musik UND schräg mitsang)? Und warum zum Teufel hieß der komische Typ, der die urkomischen Lieder interpretierte/ produzierte, auch BRUNO(Mars)??? Das war mir alles viel zu viel, ich setzte mich in eine Ecke und dachte angestrengt nach. Und wünschte mir, dass das alles hier nicht wahr war.


BAUER

So langsam, aber doch sicher wünschte ich mich in meinen Menschenkörper zurück. Es gab eine ganze Reihe von Dingen, die mir in meinem neuen Dasein nicht gefielen:

Punkt 1: Gras. NUR Gras. KEIN Fleisch (ich wollte nicht auf das Niveau herabsinken, vor lauter Hunger Insekten zu verspeisen). KEIN Käse. NUR GRAS UND KRÄUTER UND SO ÄHNLICHES GRÜNZEUG.

Punkt 2: Ein Leben auf vier, anstatt auf zwei Beinen. Fertig. Ich hoffte ehrlich, dass das alles nicht wahr war (da fiel mir doch glatt noch ein dritter Punkt ein: Ich wollte zu meiner Frau (Marta), ich wollte, ich wollte, ich wollte!!! Und ich wusste überhaupt nicht mehr, warum ich mir mein ganzes Leben lang erträumt hatte, ein(e)Kuh (Stier, Ochse) zu werden/ sein. Vielleicht, bei längerem und näherem Nachdenken, weil Tiere im Allgemeinen sich um nichts selber kümmern müssen. Aber nun, in diesem Augenblick, wollte ich nur zu meiner lieben, etwas rundlichen, aber doch liebevollen Frau Marta!


KUH

Ich war zu einem Ergebnis gekommen: Ich würde einfach solange abwarten(und nebenbei schlafen), bis ich mich in meinem normalen Körper wiederfinden würde. Man muss nur noch bedenken: Es ist nicht leicht, bei 100 Dezibel( der Kassettenrekorder) einzudösen. Nach unendlichen 7 Minuten glitt ich dann aber letztlich doch in eine traumlose Welt. Und beim Einschlafen wünschte ich mir noch etwas anderes außer meinen eigenen, richtigen, normalen Körper: Mein normales, eigenes, richtiges Kalb Bruno.

Als ich endlich, zu guter Letzt aufwachte, spürte ich Gras unter meinen… Hufen???!!! Und ich hörte eine leise Stimme, die lauthals verkündete: ICH HABE HUNGER!

Und ich merkte: Alles war nur eine Traum gewesen!

Und während ich meinem süßen Kälbchen( dem richtigen) Milch gab, merkte ich noch etwas: Ich war noch nie so froh, diese dummen, naiven Kühe aus meiner Herde wiederzusehen!

Und: Ich verbannte Alexander( meinen Ex-Ehestier) für immer aus meinem Herzen. Ich würde schon noch einen anderen finden, da war ich mir absolut sicher!

UND: Ich war noch NIE so glücklich!

Und: Ich war noch nie in Paris! Da wollte ich jetzt hin! Mit Bruno!

 

1 Kommentar/e

1. Karl-Heinz Lukas 09.10.2014 23:02h 
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Liebe Katharina,

tolle und spannende Geschichte, wir sind stolz auf Dich.
Wir freuen uns schon auf die Fortsetzung, mach weiter so

Mama und Papa

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