Literatur-Nachrichten

"Man hat sich geschämt"

Für viele deutsche Nachkriegskinder gehörten Schläge und Ohrfeigen zum Alltag. In ihrem Buch "Die geprügelte Generation" schildert Ingrid Müller-Münch die Leiden dieser Menschen – und die Folgen für ihr Leben. Wir haben uns mit der Journalistin unterhalten.

Es gab Zeiten in Deutschland, da endete der Tag für viele Kinder mit einer Tracht Prügel. Noch in den späten 1960er Jahren hielten 85 Prozent aller westdeutschen Eltern die Prügelstrafe für eine angemessene Erziehungsmethode und nur zwei Prozent aller Eltern schlugen ihre Sprösslinge nie. Und weil es für einen Großteil der deutschen Nachkriegskinder normal war, dass sie von Vater oder Mutter mit dem Kochlöffel, dem Rohrstock oder mit bloßen Händen vertrimmt wurden, hat kaum jemand darüber gesprochen.

In ihrem Buch „Die geprügelte Generation“ arbeitet die Journalistin und Publizistin Ingrid Müller-Münch dieses dunkle Kapitel auf, fragt nach dem Warum und nach den Folgen der brutalen und menschenverachtenden Erziehungsmethoden in den 1950er und -60er Jahren.

Prügel in Kinderheimen, Gewalt und sexueller Missbrauch in Internaten: In den vergangenen Monaten kamen viele schockierende Details ans Licht. Warum aber war die körperliche Gewalt gegen Kinder in den eigenen vier Wänden bisher nie Thema?
Ingrid Müller-Münch:
Vor allem, weil Gewalt so selbstverständlich war. Fast jedes Kind wurde verprügelt oder kannte Kinder, denen Gewalt angetan wurde. Es war ganz normal und deshalb sprach man nicht darüber. Ein weiterer Grund für das Schweigen der Betroffenen ist, dass sie sich insgeheim dafür schämten. Jeder möchte gern auf seine Eltern stolz sein, doch wenn Vater oder Mutter ihr eigenes Kind misshandeln, gibt es hierfür keinen Grund.

Haben sich Betroffene denn nicht untereinander ausgetauscht?
Selten. Sehr, sehr selten. Dazu fällt mir ein Beispiel ein: Erst kürzlich sprach ich mit einem befreundeten Ehepaar über das Thema und die Frau sagte mir, dass sie und ihr Mann als Kinder nie verprügelt worden seien. Der Mann schwieg zunächst, sagte dann aber nach einer Weile, das stimme nicht, er sei von seiner Mutter regelmäßig mit dem Teppichklopfer verhauen worden. Seine Frau war völlig fassungslos. Die beiden waren seit 30 Jahren verheiratet und sie wusste davon rein gar nichts.

Sie selbst sind auch in den 60er Jahren aufgewachsen. Waren Sie bei den Recherchen für Ihr Buch dennoch überrascht, wie viele Kinder damals geschlagen wurden?
Ja. Ich hatte es viele Jahre lang für mein persönliches Schicksal gehalten. Doch damalige Untersuchungen ergeben, dass 85 Prozent der Eltern die Prügelstrafe für eine angemessene Erziehungsmethode hielten und nur zwei Prozent angaben, ihre Kinder nie zu schlagen. In den 70er Jahren schrieb ein renommierter US-Psychologe in einem Standardwerk zur Geschichte der Erziehung, dass das Peitschen von Kindern in den USA langsam aus der Mode käme, in Deutschland hingegen immer noch 80 Prozent der Eltern das Schlagen ihrer Kinder billigen und 35 Prozent der deutschen Eltern zum Rohrstock greifen würden. Man muss einfach konstatieren: Bis in die 70er Jahre hinein haben viele Eltern, quer durch alle gesellschaftlichen und sozialen Schichten, ihre Kinder geschlagen.

War es für Ihre Interviewpartner denn schwer, über diese Erfahrungen zu reden?
Zunächst einmal habe ich festgestellt, dass da ein hoher Gesprächsbedarf besteht. An Interviewpartnern mangelte es mir nicht, sie alle haben bereitwillig über ihre Kindheit geredet. Und die Fälle aus meinem Buch sind überhaupt die ers­ten Interviews, die ich zu dem Thema führte. Die späteren Gespräche bestätigten mir dann nur noch, dass ich mit meinem Thema richtiglag. Allerdings wollten alle Interviewpartner, mit Ausnahme des Schriftstellers Tilman Röhrig, in meinem Buch anonym bleiben, zum Teil habe ich auch ihre Biografien etwas verändert. Auch hier ist vor allem Scham der Grund, weil Eltern oder Geschwister nicht erfahren sollten, dass meine Gesprächspartner mit dieser Familienschande an die Öffentlichkeit gegangen sind.

Wie haben diese Menschen ihre traumatischen Erlebnisse denn verarbeitet?
Bei vielen spürt man, dass die Prügel der Kindheit tief in die Seele eingedrungen sind. Einige haben ihre Erlebnisse profes­sionell aufgearbeitet. Andere haben sie ­verdrängt. Bei wieder anderen verlief das ­Leben so günstig, dass sie ihre Kindheit irgendwann hinter sich lassen konnten. Manche bemühten sich, ihren Eltern zu verzeihen, was aber nicht allen gelang. Eine Frau, mit der ich gesprochen habe, hat irgendwann den Kontakt zu ihrer Mutter komplett abgebrochen. Vor das Bild der freundlichen alten Dame von heute drängten sich immer wieder die Erinnerungen an eine Mutter, die eine Zigarette rauchend im Wohnzimmer saß und gelassen mit ansah, wie ihre Kinder vom Vater vertrimmt wurden.

Haben Sie denn auch mit Eltern über die Gründe ihrer Prügeleien gesprochen?
Das habe ich schnell aufgegeben. Die inzwischen ja sehr betagten Eltern, die ich hierauf angesprochen habe, leugnen, wollen es nicht mehr wahrhaben, behaupten, dass sich ihre Kinder das nur ausgedacht haben.

Geprügelt wurde aber auch schon vor der Zeit, die sie zum Thema Ihres Buchs machen …
Natürlich. Schon im Mittelalter ging man davon aus, dass Kinder von Natur aus schlechte Menschen sind. Selbst Säuglingen wurde böser Wille unterstellt, den es zu brechen galt. Eine unrühmliche Rolle bei der Prägung eines auf Gewalt beruhenden Erziehungsideals spielte Martin Luther, der gern den Bibelspruch zitierte: „Wer seine Rute schonet, der hasset seinen Sohn; wer ihn aber lieb hat, der züchtiget ihn.“

Heißt das, dass nicht unbedingt aus Sadismus geprügelt wurde, sondern aus der Überzeugung, dass man dem Kind damit Gutes tut?
Auch wenn man es nur schwer akzeptieren mag: Ja, viele Eltern waren tatsächlich der Meinung, ihren Kindern Schläge aus Liebe und Fürsorglichkeit zu verabreichen. Mit dem Spruch „Wir haben ja nur dein Bestes gewollt“ wird  die brutale Gewalt von damals gern verharmlost und gerechtfertigt.

Wie etwa auch mit dem bekannten Spruch „Hat mir damals ja auch nicht geschadet“…
Genau. Die frühere Hamburger SPD-­Politikerin und Kinderschutzexpertin Lore Maria Peschel-Gutzeit pflegt auf diesen dummen Spruch zu antworten: „Was aus Ihnen wohl für ein bezaubernder Mensch geworden wäre, wenn man Sie als Kind nicht verprügelt hätte!“

Welche Rolle spielen denn die Erfahrungen aus Kriegs- und NS-Zeit für die Eltern der Nachkriegskinder?
Ich glaube, eine sehr große. Diese Eltern kamen zum Großteil schwer traumatisiert oder verroht aus dem Krieg zurück oder hatten gerade erst die NS-Zeit als Täter oder Opfer überlebt. Viele fanden sich in dem Leben, das sie nun aus Schutt und Asche neu aufbauen mussten, nicht zurecht. Kindern dabei Nähe, Emotionalität und Liebe zu geben war ihnen schlichtweg unmöglich.

Zumal auch ihre Erziehung von den Idealen der NS-Zeit geprägt war.
Das kam noch dazu. Im „Dritten Reich“ galt das Ideal, dass man Kinder zurechtbiegen müsse, um aus ihnen stahlharte Erwachsene zu formen. Schon bei Neugeborenen ging es darum, deren Willen möglichst schnell und rigoros zu brechen. Johanna Haarer, eine der wichtigsten NS-Pädagoginnen, empfahl Eltern, ihre Säuglinge nachts allein schreien zu lassen und ihnen auf keinen Fall zu viel Zärtlichkeit entgegenzubringen. Haarers Erziehungsratgeber wurden übrigens unter anderen Titeln bis in die 1980er Jahre aufgelegt und verkauft.

Welche Folgen für Kinder hat denn die körperliche Gewalt?
Geprügelte Kinder neigen zu Risikoverhalten, sie werden häufiger alkohol- und drogenabhängig, sind aggressiver und tendieren eher zu Wahnvorstellungen und Depressionen. Ein geprügeltes Kind ist durch den Stress, dem es ausgesetzt ist, weniger aufnahme- und lernfähig. Und was ich aus meinen Gesprächen und Interviews mitgenommen habe: Menschen, die als Kinder verprügelt wurden, haben ihr Leben lang damit zu tun, dass sie von ihren Eltern so gedemütigt und verletzt wurden.

Und schlagen dann auch die eigenen Kinder?
Da gibt es keinen Automatismus, auch wenn die Wahrscheinlichkeit, dass Eltern, die selbst als Kind geprügelt wurden, ihre eigenen Kinder misshandeln, schon groß ist. Mein Buch beschränkt sich im Übrigen ja nicht auf die Beschreibung der Gewalt gegen Kinder in den 50er und 60er Jahren, sondern berichtet auch von den Veränderungen der Erziehungsideale. In den späten 60er und 70er Jahren begannen sich viele gegen die Gewalt in der Erziehung zu wehren. Es entstanden Kinderläden und völlig neue Formen des Umgangs mit Kindern. Heute ist es den meisten komplett unverständlich, wie man Kinder überhaupt systematisch schlagen konnte und wie ein Erziehungskonzept, das auf Gewalt beruhte, so lange praktiziert werden konnte.

Gesetzlich verboten wurde das häusliche Prügeln aber erst spät.
Es ist in der Tat erstaunlich, wie lange das Züchtigungsrecht des Vaters – die Mutter spielte juristisch keine Rolle – im Gesetz verankert war. Noch 1986 entschied der Bundesgerichtshof, dass Eltern „eine Befugnis zur maßvollen körperlichen Züchtigung“ haben, und erst seit dem Jahr 2000 wird Kindern ein gesetzlich verankertes Recht auf gewaltfreie Erziehung  zugebilligt.

Wird heute denn nicht mehr geprügelt?
Natürlich wird auch heute noch geschlagen, doch hat sich die Situation im Vergleich zu früher erheblich verbessert. Laut Deutschem Kinderschutzbund ist für 90 Prozent der Eltern eine gewaltfreie Erziehung das Ideal. Andererseits sind für etwa 60 Prozent der Eltern leichte körperliche Strafen wie der Klaps auf den Po und die  Ohrfeige immer noch ein probates erzieherisches Mittel. Auf einem ganz anderen Blatt stehen seelische Grausamkeiten, die oft ähnlich verheerende Folgen für Kinderseelen haben, die aber noch viel schwerer zu fassen sind.

Haben es Kinder heute deutlich besser als vor 50 Jahren?
Was das Prügeln angeht, in jedem Fall. Damals hat sich niemand eingemischt, wenn ein Kind verdroschen wurde, und Kinder hatten keinerlei Fürsprecher, an die sie sich wenden konnten. Selbst in der Schule wurden ja noch straflos Ohrfeigen verteilt. Wenn heute auf der Straße ein Kind geschlagen wird, kann man sich eigentlich sicher sein, dass jemand dazwischengeht oder mit einer Anzeige droht. Dennoch werden auch heute noch viel zu viele Kinder von ihren Eltern misshandelt und gedemütigt.

Wird Ihr Buch die Diskussion über Gewalt gegen Kinder weiter in Gang setzen?
Ich hoffe. Die Zeit scheint reif zu sein, um  über dieses Thema öffentlich zu reden. Es muss klar sein, dass körperliche Gewalt kein Mittel ist, einen Menschen auf eine glückliche Zukunft vorzubereiten. Geprügelte Kinder können zu Duckmäusern werden, aber schwerlich zu Menschen, die selbstbewusst in die Welt hinausgehen.

Zur Person
Ingrid Müller-Münch ist Journalistin und Autorin. Sie war Korrespondentin der Nachrichten­agentur Reuters und der „Frankfurter Rundschau“, Redakteurin beim „Stern“ und arbeitet heute hauptsächlich für den Westdeutschen Rundfunk.  Ihr Doku-Theaterstück „Zwei Welten“ wurde 2010 zum Theatertreffen nach Düsseldorf eingeladen.

Interview: Eckart Baier

1 Kommentar/e

1. Cyrus Bolten 22.11.2017 09:14h Cyrus Bolten

Danke für dieses Intereview, das war sehr informativ.
Liebe Grüsse

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