Literatur-Nachrichten

Ein spannendes Rätsel aus Stein

Details auf einer Grabplatte aus dem 16. Jahrhundert brachten ihn ins Grübeln – und aus seinen Fragen wob Philipp Vandenberg einen Roman um einen Geheimbund. Buchjournal-Redakteurin Sabine Schmidt hat ihn bei einem Spaziergang in Würzburg begleitet.

Er ist auf den kalten Tag eingestellt: Philipp Vandenberg trägt einen warmen Mantel und dicken Schal; Hose, Jackett und Schuhe harmonieren perfekt. Wir treffen den eleganten Bestsellerautor in Würzburg, und auf dem Weg in die Neumünsterkirche erzählt er, dass ihn Kirchen und Klöster magisch anziehen. „Nicht aus religiösen Gründen – ich bin einer der ungläubigsten Menschen, die man sich vorstellen kann“, sagt er. „Sondern weil man in ihnen so viel Geschichte findet.“ Geschichte, die er – zum einen durch genaue Recherche, zum anderen durch Fantasie – wiederbelebt.

Auch sein neuer Roman „Die Frau des Seiltänzers“ gründet in einem Kirchenbesuch. Philipp Vandenberg war mit seiner Frau Evelyn unterwegs, die beiden hielten für ein Mittagessen in Würzburg und schlossen einen Besuch in der Neumünsterkirche an. Hier hängt das Trithemius-Epitaph, eine Grabplatte des Gelehrten und Schwarzmagiers Trithemius. Dieses Epitaph brachte den 70-jährigen Autor ins Grübeln. „Es ist ein Riss zu sehen – als ob der obere Teil nachträglich aufgesetzt wurde. Die Schriftzeichen sind kaum zu entziffernde Abkürzungen. Zudem sind die Falten von Trithemius’ Gewand überraschend stümperhaft ausgeführt für Tilman Riemenschneider oder seine Schule – und sehen wie eine dreischwänzige Schlange aus.“

Eine ähnliche „dreischwänzige Schlange“ – oder vielleicht auch die Andeutung von Flussläufen – hat er auch in Bamberg gefunden: auf dem Sarkophag von Papst Clemens II. Auch auf diesem Sarkophag gibt es Details, die dem Autor Rätsel aufgegeben haben. Und aus all seinen Fragen wob er seinen neuen Roman.
Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die im Jahr 1525 aus einem Kloster türmt, von einer Gauklertruppe aufgenommen wird und schließlich auf die Spur eines Geheimbunds kommt: Es sind die „Neun Unsichtbaren“, die neun Weisheitsbücher hüten. Die rätselhaften Details auf dem Würzburger Epitaph und dem Bamberger Sarkophag, so hat es sich Vandenberg ausgedacht, weisen auf den Aufbewahrungsort der Bücher hin: Er muss in Bamberg sein, wo drei Flüsse zusammenkommen. 

Vandenberg braucht nur wenig – Mantelfalten auf einem Epitaph, rätselhafte Inschriften – um sich fantastische Geschichten auszudenken und sie in wahre Geschichte einzubetten. 31 Bücher hat er schon geschrieben, Sachbücher wie Romane. Über das alte Ägypten, wie sein erstes Buch „Der Fluch der Pharaonen“, das er 1973 mit 32 Jahren veröffentlichte und dessen Auflage bei 4,5 Millionen Exemplaren liegt. Und historische Romane, die sich insbesondere mit christlicher Kirchengeschichte auseinandersetzen.

Der Autor hat sie alle mit der Hand geschrieben. Computer sind ihm suspekt. „Nützlich sind sie aber, wenn ich die Vandenberg-Links googeln will. Zurzeit sind es etwa 1,2 Millionen.“ Er ist stolz darauf, und ebenso stolz erzählt er, dass seine Bücher selbst auf Chinesisch, Ukrainisch und Koreanisch zu lesen sind.
Der Erfolg wurde ihm nicht in die Wiege gelegt. Von den traurigen Umständen, unter denen er aufgewachsen ist, erzählt Philipp Vandenberg offen bei unserem Spaziergang durch Würzburg. Seine Mutter sei verzweifelt gewesen, als sie 1941 mit ihrem unehelichen Kind nach der Entbindung aus dem Krankenhaus kam – „und verschenkte mich an eine Frau, die gerade vorbeiging“. Als er neun Jahre alt war, ließ seine sehr arme Pflegemutter über das Rote Kreuz dann aber doch seine leibliche Mutter suchen.

Diese leibliche Mutter, die inzwischen mit einem Arzt in Burghausen verheiratet war, wurde gefunden – und steckte ihren Sohn umgehend ins Waisenhaus, eine Klos­terschule, die viel dazu beitrug, dass Philipp Vandenberg der katholischen Kirche skeptisch gegenübersteht. „Es waren die schlimmsten 600 Tage meines Lebens“, sagt er. Danach kam er zurück zur Mutter und besuchte das Gymnasium.

Mit 24 wurde der Student der Kunstgeschichte dann vom Ehemann seiner Mutter hinausgeworfen. „Ich hatte nur ein paar Kleidungsstücke, 100 Mark und habe eine Zeit lang in meinem Fiat 500 gewohnt.“ Philipp Vandenberg brach sein Studium ab, wurde Journalist – „und bald schon fragte ich mich, ob das alles sein kann: jede Woche eine Titelgeschichte für die ‚Quick‘ zu schreiben“. So schrieb er lieber ein Buch – und konnte sich bald alles leisten, was ihm am Herzen liegt. Das sind vor allem alte Bücher und alte Autos – Rolls Royce von vor 1957. Mit seinen liebevoll restaurierten Oldtimern geht der Autor mit Ehefrau im Sommer auf Tour. Stilecht natürlich.

„Acht Stunden schlafe ich, acht Stunden arbeite ich, und die restlichen acht Stunden nutze ich für all das, was ich liebe.“ Das heißt, dass pünktlich alle zwei Jahre ein neues Buch von Philipp Vandenberg erscheint. Das heißt aber auch, dass er sich etwas gönnt für seine Arbeit. Gerade hat er ein Bild des Dürer-Schülers Hans Schäufelin ersteigert. Es ist auf 1526 datiert, also ein Jahr nach der Handlung seines neuen Romans, und soll ihn an dieses Buch erinnern.

Dabei ist er gedanklich schon beim nächs­ten – gearbeitet wird weiter diszipliniert. Weil er das Schreiben und das Geschichtenerzählen liebt. Aber auch den Luxus, den er sich durch seine Bücher leisten kann. Und den er mit seiner Frau sehr bewusst genießt. Die bitterarme und traurige Kindheit ist zwar Geschichte, aber längst nicht vergessen.

Zur Person
Philipp Vandenberg, geboren 1941 in Breslau, war Journalist und begann seine Karriere als Sachbuchautor, als er 1973 seinen Jahresurlaub nahm und begann, über den „Fluch der Pharaonen“ zu recherchieren – das Buch wurde ein Weltbestseller. Seitdem hat er 30 weitere  Sachbücher und Romane geschrieben. Philipp Vandenberg lebt mit seiner Frau im bayerischen Baiernrain.

Titel

  1. Die Frau des Seiltänzers
    • VerlagBastei Lübbe
    • ISBN 978-3-7857-2434-7

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  2. Die Frau des Seiltänzers
    • VerlagBastei Lübbe
    • ISBN 978-3-7857-4511-3

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