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Bullshit Jobs
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© ThomasVogel / iStock

Kafka lässt grüßen

Gut bezahlte Jobs, die oft hoch angesehen und zugleich völlig sinnlos sind: Dieses Paradox beleuchtet David Graeber in „Bullshit-Jobs“ mit viel Witz und einem scharfen Blick für gesellschaftliche Fehlentwicklungen.

Alles begann mit einem kleinen Artikel, den der US-Anthropologe David Graeber 2013 veröffentlichte. Darin legte er ­seine Theorie dar, dass viele Menschen völlig überflüssige Jobs ausüben, die es im angeblich so effizienten Kapitalismus gar nicht ­geben dürfte. Der Text bescherte Graeber viele Zuschriften, in ­denen Menschen ihrem Ärger über ihre sinnfreie Tätigkeit Luft machten. Aus diesen Fallbeispielen sowie seinen Überlegungen hat David Graeber nun ein Buch gemacht, das es in sich hat: Es ist ein skurriler, manchmal urkomischer und mitunter beängstigender Streifzug durch eine kafkaeske Arbeitswelt, in der die von Graeber salopp als „Bullshit-Jobs“ bezeichneten Tätigkeiten überhandnehmen: „Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der sie ausführt, ihre Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“

Sinnlose Arbeit belastet psychisch

Beispiele für solche Bullshit-Jobs gibt es haufenweise. Da ist etwa Kurt, der bei einem Subunternehmer eines Subunternehmers ­eines Subunternehmers der deutschen Bundeswehr angestellt ist und oft mit einem Kollegen Hunderte Kilometer fahren muss, nur um dort einen Computer von einem Zimmer ins andere zu tragen und ein paar Formulare auszufüllen. Da ist Ophelia, die als Port­foliokoordinatorin keine Ahnung hat, was sie eigentlich tun soll. Die Personalassistentin Judy gibt zu, dass sie dafür bezahlt wird, sich zu langweilen. Mark beschäftigt sich in einer Gemeindeverwaltung damit, „Kästchen anzukreuzen und den leitenden Managern gegenüber so zu tun, als sei alles toll“, und Chloe, Dekanin einer Universität, verbrachte zwei Jahre damit, „Arbeit für mich selbst und andere zu erfinden“. 

All dies schildert Graeber mit viel Witz, ohne dabei den ernsten Hintergrund aus den Augen zu verlieren: Denn sinnlose Arbeit ist für die meisten Betroffenen eine enorme psychische Belastung. „Es ist“, schreibt David Graeber, „als würde man den schlimmsten Aspekt der meisten Formen von Lohnarbeit nehmen und an die Stelle des Berufs setzen, der eigentlich unserem Dasein einen Sinn geben sollte. Da ist es kein Wunder, dass die Seele laut aufschreit. Es ist ein direkter Angriff auf alles, was uns zu Menschen macht.“

Graeber befasst sich mit einem Thema, das man in den Führungsetagen der Unternehmen am liebsten totschweigen würde. Aber der US-Amerikaner liebt ungewöhnliche Themen, vielleicht, weil er aus einem ungewöhnlichen Elternhaus kommt: Sein Vater kämpfte im spanischen Bürgerkrieg und wurde dort zum Anarchisten, seine Mutter spielte die Hauptrolle in der Musikrevue „Pins and Needles“, die von der „International Ladies’ Garment Workers’ Union“ auf die Bühne gebracht wurde. Ihr 1961 geborener Sohn David wuchs in einem linken und sehr politischen Umfeld auf, bezeichnet sich seit seinem 16. Lebensjahr als Anarchist und gilt als Vordenker der kapitalismuskritischen Occupy-Bewegung. 

Sein politisches Engagement kostete Graeber 2007 den Lehrvertrag an der renommierten Yale-Universität, was er im britischen „Guardian“ ironisch selbst so kommentierte: „Ich schien meine Arbeit zu sehr zu lieben. Und ich komme aus der falschen Schicht, aus dem Arbeitermilieu.“

Bedingungsloses Grundeinkommen

Gerade seine Herkunft hat David Graeber für jene Fehlentwicklungen im kapitalistischen System sensibilisiert, die er in seinen Büchern untersucht – ob es um Schulden als Prinzip zur Macht­zementierung geht, um anarchistische Lebensformen oder eben um Bullshit-Jobs, die oft mehr Schaden als Nutzen bringen. ­Graeber macht sich ­Gedanken über die Bedeutung der Arbeit für den Menschen, über die Frage, warum wir trotz des Einsatzes von Maschinen nicht mehr Freizeit haben, über den Finanz- und ­Informationssektor, der besonders viele Bullshit-Jobs hervorzubringen scheint, und über das bedingungslose Grundeinkommen als möglichen Lösungsansatz. 

All das liest sich ebenso klug wie unterhaltsam, oft meint man, sich in einer kafkaesken Welt zu befinden; aber immer steht ­dahinter das Anliegen eines Autors, der für ein grundlegendes ­Umdenken plädiert. „An dem, was wir aus uns gemacht haben, ist irgendetwas vollkommen falsch“, schreibt er, und: „Es wäre mir lieb, wenn mein Buch zu einem Pfeil wird, der ins Herz unserer Zivilisation zielt.“ 

Irene Binal

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