Patrick Hertweck: TARA UND TAHNEE

Schicksalhaft verbunden

3. Juli 2020

Zur Zeit des Goldrauschs, 1857: Die elfjährige Tahnee hat nur ein Ziel: sich durch die Wildnis bis nach San Francisco durchzuschlagen. Noch weiß sie nicht, dass sie dort auf die gleichaltrige Tara treffen wird, die ein völlig ­anderes Leben führt. Ein Auszug aus Patrick Hertwecks fesselndem ­historischem Abenteuerroman.

Doch Tahnee sah von alledem nichts. Stur starrte sie auf den Boden vor sich. Nur hin und wieder suchte sie nach dem markanten Gipfel des einsam aufragenden Berges, der trotz der fortschreitenden Stunden kaum näher zu kommen schien. Verbissen kämpfte sie sich voran, alle Konzentration auf den Weg gerichtet, der vor ihr lag. (…)

Um sich abzulenken, rief sich Tahnee die Botschaft ihres Vaters ins Gedächtnis. Deren Sinn blieb ihr jedoch unverständlich, sosehr sie auch darüber nachdachte. Falls sie voneinander getrennt würden, sollte sie sich nach San Francisco durchschlagen und in der Stadt umgehend das Haus eines Mannes aufsuchen. Warum sie dorthin sollte und wer dieser Unbekannte war, darüber hatte er kein Wort verloren. Tahnee war sicher, dass sie von diesem Charles Reed noch nie etwas gehört hatte. 

Nachdem sie einen weiteren Hang erklommen hatte, blieb Tahnee schließlich auf einem sonnigen Flecken zwischen den Bäumen stehen. Sie war ­außer Atem. Ihre Beine schmerzten. Sie musste eine ­Pause einlegen. Linker Hand lugten Felsen aus dem Waldboden, um die sich dicke Baumwurzeln klammerten. Dort wankte sie hin und hockte sich auf einen der Steine. 

In der Ferne hörte sie den Ruf eines Rebhuhns, der wie das Heulen eines Kindes durch den Wald hallte. An einen Baumstamm vor ihr hämmerte ein schwarz-weiß gescheckter Specht mit dem Schnabel gegen die Rinde. Erneut kam Tahnee ihre Umwelt unwirklich vor, als würde sie all das nur träumen und brauchte nur abzuwarten, bis sie in ihrem Zuhause die Augen aufschlug und alles wieder seinen gewohnten Gang nahm. 

Warum hatte sie nicht gemerkt, dass eine schreckliche Gefahr wie eine dunkle Gewitter­wolke über ihrem Leben aufgezogen war? Es hatte dafür nie einen Grund gegeben, stellte sie fest und wusste im selben Augenblick, dass das nicht ganz stimmte. Plötzlich sah sie den Gesichtsausdruck ihres Vaters vor sich, nachdem dieser von einer seiner Reisen nach San Francisco zurückgekehrt war. Dorthin ritt er zweimal im Jahr, um am Hafen seine Felle zu verkaufen und ihre Vorräte mit Zucker, Kaffee und Mehl aufzufüllen. Irgendetwas musste dort geschehen sein, was ihn seither beschäftigt hatte. Hat Dad dort vielleicht den Steckbrief mit seinem Bild darauf gesehen?, überlegte sie. 

Tahnee konnte nur raten, aber offensichtlich hatte er ihr nicht alles über sein Leben erzählt. Irgendwo musste es einen schwarzen Fleck geben, über den sie nichts wusste und der dazu geführt hatte, dass jemand ein Kopfgeld auf seine Ergreifung ausgesetzt hatte. Wie hatte das nur geschehen können? 

Ratlos dachte Tahnee darüber nach, was ihr Vater ihr an vielen Abenden in den vergangenen Jahren immer wieder erzählt hatte. Nie hatte er mit irgendetwas hinterm Berg gehalten. Als sie alt genug war, hatte er sogar das Versprechen eingelöst, über die dunkelste Stunde seines Lebens zu erzählen, die ihm die Frau und seiner Tochter die Mutter genommen und ihn vor die grauenvollste Entscheidung gestellt hatte, die man sich überhaupt vorstellen konnte. 

So hatte Tahnee von seiner Kindheit in Armut an der Ostküste erfahren und von seinen Eltern, die früh gestorben waren. Er hatte ihr von seinem großen Traum erzählt, das Elend in seiner Heimat hinter sich zu lassen und zur Pazifikküste zu ziehen. In den fruchtbaren Tälern Kaliforniens, in welchen Orangen, Zitronen, Granatäpfel und Weizen im Überfluss wuchsen, wollte er ein neues ­Leben beginnen. Obwohl sich ihr Vater damals ­jeden Bissen vom Mund absparen musste, hatte er jeden Cent, den er entbehren konnte, beiseite­gelegt, um eines Tages in das Land der Verheißung aufbrechen zu können. Er hatte gerade genug Geld zusammen, um sich einen Planwagen und Proviant für die weite Reise zu kaufen, da lernte er eine junge Frau kennen und verliebte sich Hals über Kopf in sie. 

Aus diesem Grund brach er schließlich nicht allein in ein neues Leben auf. Als er sich im Frühjahr 1844 einem Siedlertrack in Independence anschloss, hatte er, frisch verheiratet, Eleanor Fitch an seiner Seite. Gemeinsam fuhr das Paar einer hoffnungsvollen Zukunft entgegen, nicht ahnend, dass ihr Weg quer über den Kontinent in einer entsetzlichen Katastrophe enden würde. 

So war es gekommen, dass sich Paul Fitch ohne seine Frau, aber dafür mit seiner Tochter eine neue Existenz in den Tälern der Sierra Nevada als Jäger und Fallensteller aufbauen musste. Trotz des Schicksalsschlags und aller Entbehrungen und Härten des Lebens inmitten der Natur fand er schließlich sein Glück fernab der Menschen. Wenigstens versicherte er dies seiner Tochter bei jeder Gelegenheit und Tahnee hatte nie daran gezweifelt. 

Doch nun, während sie irgendwo in den Ausläufern der Sierra Nevada – verschwitzt, entkräftet und mit einer mächtigen Beule über der Schläfe – auf einem Felsen saß, fragte sie sich, ob ihr Vater die Wahrheit gesagt hatte. 

War es möglich, dass er sich an diesem Flecken Erde vor jemandem versteckt hatte, der auf der Suche nach ihm war? Und wenn dem so war, warum hatte er ihr nichts davon erzählt?

Als die Schatten der Bäume länger geworden waren, wuchtete Tahnee sich auf die Beine. Ein Blick zum Himmel bestätigte ihr, dass die Sonne schon recht tief im Westen stand. Sie musste wieder los. Das Haus des Mannes, zu dem sie unterwegs war, konnte nicht mehr weit sein. 

Über den Autor

Patrick Hertweck, geboren 1972, arbeitete als Manager in einem Medienunternehmen, bevor er seine Leidenschaft, das Schreiben, zum Beruf machte. Der Autor lebt in Freiburg.

Patrick Hertweck
Tara und Tahnee

Verloren im Tal des Goldes.
Thienemann, 
304 S., 15,– €, ab 10,
ISBN 978-3-522-18467-0

Clara Haid (12) hat’s schon gelesen

Tara und Tahnee“ handelt von zwei Mädchen, die beide von ihrem ­Leben erzählen. Tara wohnt in einem großen Haus, sie hat Diener, einen Hausarzt und schöne saubere Kleidung. Tahnee hingegen lebt wie ein armes Indianermädchen und wächst im Wilden Westen auf. Beide sind auf der Suche nach ihrem Vater und machen sich auf eine aufregende Reise. Sie lernen neue Freunde kennen, geraten in viele lebensgefährliche Situationen und erfahren mehr über ihr eigenes Leben. Der Autor zeigt, wie verschieden man leben kann und wie wichtig Freundschaft ist. Das Fesselnde an dem Buch ist, dass beide Geschichten der Mädchen parallel erzählt werden und am Ende aufeinandertreffen. Mir hat das Buch supergut gefallen. Es ist unglaublich spannend und interessant. Ich empfehle es ­allen, die gern Abenteuergeschichten lesen und am besten viel Zeit am Stück haben: Man kann nicht aufhören zu lesen.