Belletristik

Quichotte
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Salman Rushdie© Rachel Eliza Griffiths

Vom Reisen und Lieben

Ein alter Mann, der sich für seine Angebetete auf eine Quest begibt, und ein Autor, dessen Dichtung mit der Realität verschwimmt: Salman Rushdie inszeniert ein literarisches Verwirrspiel allererster Güte.

Was geschieht, wenn sich Salman Rushdie die Geschichte von Don Quijote vornimmt? Die Antwort gibt der Autor in seinem neuen Roman: Cervantes’ Ritter von der traurigen Gestalt wird bei Rushdie zu Ismael Smile, einem Reisenden „indischen Ursprungs, fortgeschrittenen Alters und mit schwindenden geistigen Kräften“. Seine Dulcinea ist eine gewisse Salma R., eine indischstämmige Talkshow-Queen, und um ihr Herz zu erringen, nennt Ismael sich „Quichotte“ und begibt sich auf eine Quest, an deren Ende die Begegnung mit Salma stehen soll: „Er wäre ihr geistreicher Ehrenmann Quichotte. Er wäre der Lancelot zu ihrer Guinevere und würde sie zu seinem Joyous Gard bringen. Er wäre – um Chaucers Canterbury Tales zu zitieren – ihr wahrhaftig wohlgeratener edler Ritter.“ 

Literarische Inspiration
Wie immer bei Rushdie spielen seine indischen Wurzeln in die Handlung hinein, die Erfahrungen eines Autors, der seine Geburtsstadt Bombay vor langer Zeit verließ, um in London zu studieren. „Dass ich aus Indien stamme, ist der wichtigste Faktor in meinem Leben“, sagt er. „Natürlich lebe ich seit Jahren im Westen, aber wie man an meinen Büchern sieht, kehrt meine Fantasie immer wieder nach Indien zurück.“ Quichotte und Salma sind ebenso indische Immigranten wie der Protagonist der über­geordneten Ebene des Romans, ein als „Bruder“ bezeichneter Verfasser von mittelmäßigen Spionagethrillern. „Dann entwickelte er in einem überraschenden Richtungswechsel die Idee, die Geschichte des verrückten Quichotte und seiner unglückseligen Verehrung der prachtvollen Miss Salma R. zu erzählen.“ Je länger Bruder an seinem Projekt arbeitet, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Fiktion und Realität. Quichottes Biografie ähnelt der seines Autors, sie sind fast gleich alt, haben nahezu identische Wurzeln, wie Quichotte hat Bruder sich mit seiner Schwester entzweit, wie Quichotte will er das Zerwürfnis beilegen und wie Quichotte hat er das Gefühl, dass die Welt kurz vor dem Zusammenbruch steht. 

Es ist ein komplexes Spiel mit Realität und Fantasie, ein Panoptikum des Surrealen, das Rushdie offensichtlich großen Spaß bereitet hat. Quichotte imaginiert einen Sohn namens Sancho, der unbedingt real werden möchte; ein Milliardär namens Evel Cent will die Menschheit retten, indem er Paralleluniversen zugänglich macht; Salma R. beugt die Gesetze der Zeit; und Bruders

Befürchtung, von den Figuren seiner Spionagethriller verfolgt zu werden, scheint sich zu bestätigen, als ein seltsamer Agent bei ihm auftaucht. Hier schimmert Rushdies Angsterfahrung durch: die Angst eines Autors, der vom iranischen Mullah-Regime mit einer Fatwa belegt wurde und jahrelang unter Polizei­schutz leben musste. Inzwischen hat Rushdie in New York eine Heimat gefunden und sieht die Bedrohung gelassen: „Wenn ich nicht gerade mit Journalisten spreche, denke ich meistens nicht daran. Ich glaube nicht, dass das noch viel Bedeutung hat.“ In seinen Büchern verarbeitet er diese und andere Erfahrungen, er schreibt über Killer und kriminelle Clans, Dschinns und Philosophen, vermengt Einflüsse aus Orient und Okzident, befasst sich mit der Gesellschaft und Fragen der Religion – obwohl oder gerade weil er selbst mit dem Glauben wenig anfangen kann: „Ich bin nicht im Entferntesten religiös. Ich habe absolut keinerlei religiöse Orientierung.“

In einer verschlungenen Prosa jongliert er mit Elementen aus Märchen und Sagen. So ist auch „Quichotte“ reich an Anspielungen von Pinocchio bis Peter Pan und durchzogen von satirischen Bemerkungen: „Indische Immigranten waren nahezu verlegen, in weiten Teilen der USA nicht rassistischem Missbrauch und Angriffen ausgesetzt zu sein. Und sie machten sich daran, Musterbürger zu werden.“ Es ist ein Roman, der staunen lässt: über die Geschicklichkeit, mit der Rushdie die Fäden in der Hand behält, über seine Klarsichtigkeit und seine Fähigkeit, die Gegenwart zu erfassen. „Ich bin kein Kritiker, Sir“, sagt ein Agent zu Bruder, „aber ich schätze, Sie sagen dem Leser, dass das Surreale und sogar das Absurde heute unter Umständen die zutreffendsten Deskriptoren für das wirkliche Leben bieten.“ Für das wirkliche Leben, wie es nur Salman Rushdie beschreiben kann.

Irene Binal

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