Belletristik / Interview

"Sie erzählen mir ihre Geschichte"

Anna Burns verleiht in "Milchmann" einer 18-Jährigen eine Stimme, die sich gegen Gewalt, Macht und sexuelle Übergriffe als selbstbewusste Frau behauptet. Im Buchjournal-Interview gibt die Schriftstellerin Auskunft über ihren neuen Roman.

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Wie sind Sie auf die Idee für ihren Roman "Milchmann" gekommen?
Als Schriftstellerin plane ich nicht, was ich schreiben werde; daher kann ich auch nicht sagen, woher meine Ideen kommen. Sie erscheinen einfach. Meine Aufgabe ist es, zu warten und auf meine Charaktere zu hören, die zu mir kommen. Dann lasse ich mir ihre Geschichten erzählen.

Stimmt es, dass Sie als Jugendliche Bücher auf dieselbe eigenartige Weise gelesen haben wie die junge Frau in "Milchmann"?
Es ist wahr, dass ich wie meine Hauptfigur als Jugendliche in Belfast beim Gehen gelesen habe. Die Leute haben allerdings nicht so stark darauf reagiert, wie es die Figuren in meinem Buch tun. 

Anna Burns© Eleni Stefanou

Viele Jahre später begann ich, darüber zu schreiben, und fast sofort ist in meinem Kopf dieses 18-jährige Mädchen aufgetaucht. Sie ging eine Straße entlang und schien ein Buch zu lesen. In Wirklichkeit war sie jedoch in ihren Gedanken über den Ärger über ihre Schwester und ihren Schwager beschäftigt. Die unverwechselbare Sprache des Buches war übrigens von Anfang an dabei.

"Milchmann" spielt in Belfast, ist aber kein Roman über historische Ereignisse. Hat es eine "universelle" Botschaft?
Mein Roman spielt in einer Gemeinschaft, die unter großem Druck steht und in der die Menschen versuchen, ihr Leben auf normale Weise zu leben. Dies geschieht in einer Zeit großer Gewalt, Angst und Konflikte. Jeder hat das Recht, den Roman beim Lesen auf eigene Weise zu interpretieren, deshalb kann ich keine universelle Botschaft anbieten. Ich freue mich jedoch sehr, dass „Milchmann“ Leser auf der ganzen Welt gefunden hat, die mit dem Buch etwas verbinden und es für wichtig halten.

Trugen die Personen von Beginn an keine echten Namen?
Als mir die Idee für das Buch erschienen ist, enthielt es keine Namen, daher musste ich es von Anfang an auch ohne Namen schreiben. Irgendwann habe ich als Experiment versucht, Eigennamen hinzuzufügen, es fühlte sich aber nicht richtig an. Dann las ich meiner Freundin diese Passage vor und ihre Antwort war dieselbe wie meine. Es fühlte sich an, als würde das Buch selbst die Namen streichen. Wenn sie geblieben wären, wäre es vermutlich ein ganz anderes Buch geworden.

Welche Rolle spielte Literatur in Ihrem Leben und welche Autoren haben Sie beeindruckt oder beeinflusst?
Jeder in meiner Familie las von klein auf unersättlich. Ich las alles auf einmal, Shakespeare, Enid Blyton, Dostojewski, Agatha Christie, und fand darin wunderbare Anregung, Nahrung und Flucht. Als ich in den 1990er Jahren mit dem Schreiben anfing, hatten Alice Miller und Jeffrey Masson auf mich großen Einfluss.

"Milchmann" wurde mit dem MAN Booker Prize ausgezeichnet. Wirkt sich dieser Preis auf Ihr Leben aus?
Dieser Preis hat enorme Auswirkungen auf mein Leben und auf meine Pläne und Projekte. Die erste Auswirkung war finanziell. Für mich war das Preisgeld hochwillkommen, weil es mir nun ermöglicht, bequemer zu leben. Diese Auszeichnung bedeutete für mich aber auch einen enormen Schub für mein Selbstvertrauen und mein Glück. Und weil ich besser arbeite, wenn ich glücklich und zufrieden bin, bin ich schon sehr gespannt, was auf mich zukommt, und woran ich demnächst arbeiten werde.

Erfahren Sie mehr zu Anna Burns und ihrem Roman "Milchmann": Hier geht's zur Buchjournal-Story!

Interview: Daniel Seitz

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