BERICHTE AUS ...

Schreiben, wo andere Urlaub machen

16. Juni 2023

Manches große Werk entsteht an einem Ort, den Lesende sich als besonders schönes oder außergewöhnliches ­Reiseziel vorstellen. Wie lebt und schreibt es sich dort? Drei Schrift­steller:innen erzählen von ­ihrer Wahlheimat.

Angelika Overath

„Über viele Jahre waren wir mit den Kindern ins Unterengadin gekommen. Zum Wandern, zum Skifahren. Dann ermöglichte uns ein kleines Erbe, ein altes Bauernhaus in Sent zu kaufen. Es stand drei Jahre leer; niemand wollte es. Wir ließen das Nötigste renovieren. Aber es wurde so schön, dass wir in ihm leben wollten. Die großen Kinder studierten schon, den Kleinen nahmen wir mit. Er kam auf die rätoroma­nische Grundschule. Wir wohnen auf 1 440 Metern über dem Meeresspiegel. Vom Fenster aus sehe ich auf die Engadiner Dolomiten mit dem Triazza-­Gletscher. Die Luft ist sehr klar; wenn wir den ­Wasserhahn öffnen, fließt Mineralwasser aus dem Uina-Tal. Ich liebe diese elementare Reinheit. Der Engadiner Himmel ist das intensivste Blau, das ich kenne. Und nachts ist er überschüttet mit Sternen. 

Das alles gibt mir Ruhe zum Schreiben und ­rela­tiviert es auch. Das Postauto hat direkten Anschluss zur Rhätischen Bahn in Scuol. In drei Stunden bin ich in Zürich, von dort sind es drei Flugstunden bis Istanbul.“

Jan Koneffke

„Ich bin im Alter von drei bis zehn in einer Neubau­siedlung bei Frankfurt aufgewachsen. Auf einer Rodungsinsel im Wald. In einer buchstäblich ­entwurzelten Gegend. Mit vielen Flüchtlingen aus dem Osten wie meinem Vater. Das passte zu den Un-­Heimlichkeiten der Nachkriegszeit. Deshalb ­ziehe ich heute Wahlheimaten vor. 

Zu meiner rumänischen bin ich in Rom gekommen. Wenn man Roma umdreht, wird Amore draus: Ich traf meine spätere Frau auf einem Maskenball der Villa Medici an der Spanischen Treppe. Ich war maskiert, sie nicht – ein doppelter Vorteil. Und dass ich Bukarest nicht mit Budapest verwechselte, brachte mir den ersten Pluspunkt ein. In Rumänien lernte ich, dass der Osten etwas anderes ist als der Westen nur ohne Wohlstand. Voller schöner, erschreckender, immer starker Emotionen. 

Ich stellte fest: In dieser fremden Welt und fremden Sprachumgebung, dem Korrektiv des falsch Selbstverständlichen, komme ich eher zu mir selbst als „daheim“. Hier schrieb ich ­einen Großteil meiner Bücher.“

Cay Rademacher

„Der zweitbeste Grund, um in die Provence zu ziehen, ist die Schönheit der Provence. Der beste Grund, um in die Provence zu ziehen, ist die Schönheit einer Provenzalin. Deshalb bin ich hier. Seither begleitet mich Capitaine Roger Blanc durch die Provence. Der einen oder anderen Leserin, dem einen oder anderen Leser ist vielleicht aufgefallen: Blanc ermittelt in jedem neuen Krimi im jeweils folgenden Monat, sodass mit dem zehnten Band für ihn jetzt zehn Monate verstrichen sind – während doch für uns darüber mal eben zehn Jahre verwehten. Ziemlich spannende Jahre übrigens. Die Provence ist altes Kulturland – noch immer ent­decke ich in jedem Dorf, auf jedem Hügel, in jedem Restaurant, in Museen und Galerien, an der Küste und auf den Bergen Niegesehenes, ­Niegeschmecktes, Niegerochenes, Nochniegehörtes. 

Apropos Niegehörtes: Die Sprache ist für jeden Autor Werkstoff. Lebt man mitten in einer anderen Sprache, kann man mit zwei Werkstoffen arbeiten – weshalb ich manchmal versuche, den Klang des Franzö­sischen als Hintergrundmelodie ins Deutsche zu schmuggeln ...“