Anne Otto. FÜR IMMER KIND?

„Nur ich selbst kann etwas bewirken“

17. Juni 2022

Im Gespräch über ihr neues Buch „Für immer Kind?“ erklärt Anne Otto, warum es wichtig ist, das Verhältnis zu den Eltern zu klären. Für sie ist das die Basis, um das große Thema Altwerden stimmig für alle zu meistern.
 

Warum ist es wichtig, dass unsere Beziehung zu den Eltern 
„erwachsen“ wird?

Das ist wichtig, um sich eigenständig weiterzuentwickeln, um selbst zu wissen, was gut für einen ist. Und langfristig gesehen, weil wir vielleicht in die Situation kommen, die Eltern zu unterstützen. Dann müssen wir uns fragen, wie wir uns dazu verhalten wollen. Eine erwachsene Beziehung ist für die psychologische Entwicklung und fürs familiäre Miteinander gut.

Was bedeutet „erwachsene Beziehung“?
Zum Beispiel, dass man keine Schuldgefühle gegenüber den Eltern hat, wenn man eigene Entscheidungen trifft. Dass man sich traut, Eltern auch mal zu enttäuschen. Oder dass man irgendwann aufhört, ihnen die Schuld zu geben, wenn es im Leben nicht so gut läuft, sondern sich für sich selbst verantwortlich fühlt. Wichtig ist auch, dass man die Eltern als erwachsene Menschen mit ihrer ganzen Lebens­geschichte sieht und nicht nur in ihrer Elternrolle. 

Im Buch schildern Sie viele Beispiele von belasteten Beziehungen und Kommunikationsmustern. Warum tun wir erwachsenen Kinder uns oft so schwer mit unseren Eltern?
Dafür gibt es viele psychologische Faktoren, etwa weil die Abgrenzung schwerfällt, weil wir anders sind als unsere Eltern oder ihre Erwartungen nicht erfüllen. Ich habe das Buch aber vor allem geschrieben, weil die demografische Entwicklung neue Belastungen mit sich bringt. Die Menschen werden immer älter und vielleicht auch länger hilfebedürftig. Das wirft Fragen auf: Wer kümmert sich um alte Eltern? Wie können wir die Pflege schaffen? Wir leben in einer individualisierten Welt, wohnen oft weit weg von den Eltern. Wir fühlen uns verbunden, wollen aber eigenständig leben.

Sie sagen, eine erwachsene Beziehung trägt dazu bei, einen guten Weg zu finden, und bieten praktische Übungen dazu an. Was dürfen wir davon erwarten?
Es sind zum einen Übungen zur Selbstreflexion, die erwachsene Kinder in ihrer Eigenständigkeit unterstützen und stabilisieren. Es geht aber auch darum, Eltern aus der Verantwortung zu entlassen und selbst fürsorglich zu sich zu sein. Und es gibt ganz praktische Tipps und Hilfen, wie man mit Eltern und Geschwistern über schwierige Themen wie Pflege reden kann. Darüber, was sich alle Beteiligten wünschen, wie sich gute Lösungen für alle finden lassen und nicht nur immer den Frauen in der Familie die Rolle der Pflegenden zufällt.

Ihr Buch richtet sich an erwachsene Kinder. Müssen aber nicht auch Eltern „erwachsen“ werden?
Auf jeden Fall. Das Seltsame an diesen Beziehungen ist ja, dass wir oft sehr lange gleichzeitig Kinder und Eltern sind. Unabhängig sein und andere eigenständig sein lassen – das kann man fast lebenslang üben. Dazu gehört zum Beispiel, dass Eltern loslassen, ihre Kinder nicht erpressen und damit umgehen lernen, dass sie 
eigenständige Entscheidungen treffen. Mir geht es bewusst um die mittelalten Erwachsenen. Es ist wichtig, dass diese sich klarmachen: Nur ich selbst kann etwas bewirken und meine Haltung verändern. Sehr alte Eltern ändert man kaum. 

Interview: Anita Strecker

Über die Autorin

Anne Otto ist Diplom-Psychologin und Autorin. Sie schreibt für Medien wie „Spiegel Wissen“, „Spiegel Online“ oder „Psychologie Heute“. Außerdem entwickelt sie Online- und Video-Coachingformate und berät Klientinnen und Klienten in Fragen zur Persönlichkeitsentwicklung. Anne Otto lebt mit ihrer Familie in Hamburg.
 

Anne Otto
Für immer Kind?

Wie unsere Beziehung zu 
den Eltern erwachsen wird.
Edition Körber, 288 S., 22,– €,
ISBN 978-3-89684-294-7