Marcus Gabriel, Gert Scobel: ZWISCHEN GUT UND BÖSE

"Weisheit kommt selten allein"

24. Juni 2021

Corona, Klimawandel, Digitalisierung und vieles mehr: Die Gegenwart ist komplex und Ethik wichtiger denn je. Markus Gabriel und Gert Scobel geben spannende Anregungen: in einem Buch mit ungewöhnlichen philosophischen Gesprächen.

Markus Gabriel und Gert Scobel (rechts)

Sie beide haben viel Zeit miteinander verbracht, um die 
Gespräche für Ihr Buch zu führen. Was verbindet Sie? 

Gert Scobel: Mit einem Wort: Freundschaft. Und eine lange Vor­geschichte des „Immer-wieder-miteinander-Nachdenkens“. Beides zusammen ist schon seit der Antike die beste Voraussetzung geblieben, um das Denken weiterzubringen. Philosophie ist die Praxis von Weisheit. Und die kommt selten allein.

Die Gesprächsform ist eine besondere Herausforderung: sich auf den anderen einstellen, ihm Raum geben, gemeinsam ein Thema erarbeiten. Warum funktioniert das zwischen Ihnen beiden so gut?
Markus Gabriel: Weil wir einerseits einen Werterahmen teilen und Philosophie im Dialog neu weiterentwickeln wollen, andererseits aber gerade dabei auch zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Wir respektieren das Anderssein und Andersdenken des anderen und verlassen uns darauf, dass genau dies die Quelle neuer Einsichten ist.

Ihr Buch trägt den Titel „Zwischen Gut und Böse“. Was ist mit diesem Dazwischen gemeint?
Gabriel: Für die ethischen Extreme gibt es einen historisch erworbenen Sensor. Für das radikal Böse stehen die Diktaturen und Gräuel des 20. Jahrhunderts, für das unbedingt Gute große moralische Vorbilder wie Gandhi. Doch viele der dringendsten Fragen der Ethik sind unbeantwortet, sie bewegen sich zwischen den eindeutig identifizierten Polen. Aufgabe einer konkreten Ethik ist es, herauszufinden, wo sich Handlungsoptionen zwischen den Extremen befinden.

Ist dieses Finden einer Position zwischen den Polen auch das, was Sie „Philosophie der radikalen Mitte“ nennen?
Scobel: Das ist natürlich der Kern des Buchs. Der Prozess dieser Philosophie symbolisiert sich für uns in , dem chinesischen Schriftzeichen für Mitte, das wir auch als Kapitelüberschrift ein­gebaut haben. Wenn wir ethische Probleme lösen wollen, dann sind wir niemals außen vor, sondern bereits mitten in einer komplexen Wirklichkeit. Doch statt uns sofort von „richtigen“ oder „falschen“ Positionen vereinnahmen zu lassen, müssen wir uns ­zunächst auf einen Prozess einlassen, der die Mitte zwischen Gut und Böse frei macht und damit leer räumt. Wir sitzen zwischen den Stühlen und müssen uns auf die unterschiedlichen Stimmen, Positionen, Argumente einlassen. Erst dann bildet sich ein Urteil. 

Was heißt das für die gesellschaftspolitische Gegenwart?
Gabriel: Deutschland muss sich neu aufstellen in einer komplexen globalen Lage. Dazu braucht es nach den visionsarmen ­Merkel-Jahren eine rationale öffentliche Debatte, in der intellektuelle Stimmen aus den Geisteswissenschaften eine prominente Rolle einnehmen. Die Schwachstellen des naturwissenschaftlich-technokratischen Weltbilds werden nicht von den MINT-Kompetenzen bearbeitet; die sind genau dafür naturgemäß blind. Am besten wären neue kosmopolitische Verhältnisse mit überraschenden Allianzen. 

Interview: Sabine Schmidt

Über die Autoren

Markus Gabriel (links) gehört zu den bekanntesten Philosophen der Gegenwart, mit Professuren an der Sorbonne, an der New School for Social Research in New York und in Bonn.

Gert Scobel ist Kultur- und Wissen­schafts­journalist und wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Interdisziplinarität an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Markus Gabriel, Gert Scobel
Zwischen Gut und Böse

Philosophie der radikalen Mitte.  
Edition Körber, 320 S., 22,– €,
ISBN 978-3-89684-287-9