Literaturverfilmungen

"Die schönsten Momente sind die sprachlosen"

20. Dezember 2023

Christian Petzold ist einer der produktivsten und erfolgreichsten Regisseure Deutschlands, gilt als Chronist der Gegenwart. Ein Gespräch über die ­bisweilen enge und doch schwierige Beziehung zwischen Literatur und Film. 

In den vergangenen Monaten ist Christian Petzold um die Welt gereist, um seinen Film „Roter Himmel“ zu promoten. Beim Videocall wirkt er aufgeräumt und dankbar für die Ablenkung, denn den Tag über hat er intensiv an seinem neuen Drehbuch gearbeitet. 

Herr Petzold, Sie sind gerade erst nach Berlin zurückgekommen, haben die Frankfurter Buchmesse verpasst. Gehen Sie eigentlich auf Buchmessen?  Ich war vor ein paar Jahren das erste Mal in meinem Leben auf der Frankfurter Buchmesse, weil ich dort den Julius-Campe-Preis für meinen Film „Transit“ erhalten habe. Die Publizistin Carolin Emcke hat eine schöne Laudatio und ich eine kleine Rede über die Stadtbücherei und das Kino gehalten.

Anna Seghers’ Exilroman „Transit“ ist streng genommen die einzige ­Literaturverfilmung in Ihrem Werk. „Transit“ war für Harun Farocki (Freund und Mitdrehbuchautor von Christian Petzold, Anm. d. Redaktion) und mich eines der wichtigsten Bücher überhaupt. Das haben wir einmal im Jahr gelesen. Und die Figur des Menschen im Exil, das ist für mich die literarische Figur: das Haltlose, nicht wissen wohin, dass man Anbindung an die Welt finden muss. Wieder nach Hause zu kommen, davon träumen auch die Exilromane. Genauso wie die Migranten, die in den 1960er Jahren nach Deutschland kamen, um Geld zu verdienen – in dem Glauben, in 20 Jahren gingen sie zurück in die Türkei oder nach Italien und alles wäre wie vorher, nur dass sie nun mehr Geld hätten. Und dann merken sie: Das Land, das sie verlassen haben, gibt es nicht mehr. 

Es hat dann aber länger gedauert bis zur Verfilmung? ­Irgendwann haben wir entschieden, das Buch nicht mehr zu lesen und nur aus der Erinnerung an den Roman das Drehbuch zu verfassen. Kurz nachdem wir begonnen hatten, ist Harun verstorben. Ich habe das Drehbuch dann weggelegt und andere Projekte gemacht. Später war ich zufällig in Marseille, und als ich die arabischstämmigen Menschen sah, die zwar die französische Staatsbürgerschaft haben, aber in Frankreich nicht zu Hause sind, und das Mittelmeer, in dem die Leichen von Migranten angeschwemmt werden, kam die Erinnerung an das Buch wieder.

Was lesen Sie gerade? „Great Expectations“ von Charles Dickens, in der fantastischen Übersetzung von Melanie Walz. Ein tolles Buch, ich habe es vorher noch nie gelesen. Es wird deutlich, wie all die anschließende Literatur aus diesem Werk von Dickens erwachsen ist, bis hin zu Harry Potter. Man merkt, dass Walz eigentlich aus dem Kino kommt, früher über Filme geschrieben hat. Die Rhythmisierung und Präzision der Sprache macht große Freude.  

Fühlen Sie sich der Literatur sehr verbunden? Ein guter Freund von mir, Alexander Horwath, der unter anderem das österreichische Filmmuseum geleitet hat, sagte im Gespräch mit mir mal, es gäbe drei Arten von Regisseur:innen: Die ersten sind der Malerei verpflichtet, die zweiten der Musik und die dritten der Literatur. Ich hoffte, ich würde zur Musik gehören, aber er sagte: „Nein, du bist Literatur.“ Und er hat wahrscheinlich recht. Für mich ist eher ein Zitat oder ein niedergeschriebener Gedanke der Impuls, ein Drehbuch anzufangen, als ein Bild oder ein Akkord.

Diesen Eindruck hat auch Paula Beer. Die Schauspielerin sagte in einem Interview, in der gemein­samen Vorbereitung zeige sich, wie sehr Sie Geschichten und Literatur liebten. Ja, das habe ich auch ge­lesen, und es hat mich gewundert, weil ich anders geprägt worden bin. ­Eigentlich vor allem durch das US-Kino, Hitchcock und die New-Hollywood-­Filme, und das französische Kino, später den Neorealismus. Alles Formen des Kinos, die nicht so literaturbasiert sind wie der Film in Deutschland.  

Inwiefern? Na ja, wir leben in einem Land, das Literaturverfilmungen ganz wichtig findet. Das heißt auch, dass das Buch eigentlich mehr bedeutet als der Film. Man kauft die Rechte an Büchern und Bestsellern fürs Kino ein, damit die deutschen Zuschauer ins Kino gehen. Dort können sie vergleichen, ob das, was sie sich vorgestellt haben, auch rea­lisiert wurde. Das ist ein Geschäftsmodell, kein ästhetisches. Woanders nehmen sie Bücher zum Anlass, haben aber nicht den Anspruch, Literatur in Bilder umzusetzen, weil das nicht möglich ist.  

Und die Zuschauer:innen in Deutschland? Die gehen ins Kino und sagen hinterher: Na ja, das Buch fand ich besser. Dazu fällt mir übrigens eine schöne Anekdote ein. Wollen Sie sie hören? 

Unbedingt! Sie handelt von Billy ­Wilder. Er wurde zu seinem 80. Geburtstag in Berlin geehrt, der Stadt, in der er gearbeitet hatte, bevor er in den 1930er Jahren als Jude vor den Nazis fliehen musste. An dem Ehrungstag musste er also mit dem damaligen ­Bürgermeister Eberhard Diepgen ins Museum am Checkpoint Charlie und sich den Film „Mein Kampf“ ansehen, einen Dokumentarfilm von Erwin Leiser, dem ersten Direktor der Filmakademie, an der ich studiert habe. Die Doku ist im Grunde eine Geschichte des National­sozialismus zwischen ’33 und ’45, die Leiser aus „Wochenschau“-Material montiert hat. Als Billy Wilder nach zwei Stunden aus dem Kino kam, standen da schon die deutschen Reporter und fragten ihn: Na, und wie hat Ihnen der Film gefallen? Und Wilder antwortete, auch auf Deutsch: „Das Buch hat mir besser gefallen.“   

Das sitzt. Es ist ein fantastischer Satz von ihm. Da merkt man, dass er als Mensch nicht gebrochen worden ist durch die eigenen Erfahrungen; das ist ein Humor, der nach ’33 in Deutschland verloren gegangen ist.

Können Sie Romane lesen, ohne an eine filmische Umsetzung zu denken? Absolut. Ich habe gestern zufällig in einen Bertolucci-Film hineingesehen, „Der letzte Tango in Paris“, und dazu einen Text von ihm gelesen. Bertolucci sagt, das Kino basiert eigentlich mehr auf Gedichten als auf Romanen, Gedichte haben eine Stimmung, ein Bild, etwas Imaginäres, einen Rhythmus, und das habe mehr mit Filmen zu tun. 

Bietet das nicht auch der Roman? Bei Anne Tyler habe ich mal eine Abschiedsszene zwischen einem Mann und einer Frau während des Zweiten Weltkriegs gelesen. Er muss am Tag danach nach Europa, um als US-Soldat an der Landung in der Normandie teilzunehmen. Sie küssen sich ein letztes Mal, und dann schreibt Anne Tyler diesen wunderbaren Satz: „Sie verließen einen Raum, der größer war als der, den sie ­eigentlich vorher beansprucht haben.“ Ein toller Gedanke, das Kino hat viel mit Räumen und Distanzen zu tun, und in dem Moment, in dem Menschen gehen, bleibt die Kamera ja oft in diesem Raum. Dann gibt es ein Nachbeben, und der Staub der Handlung senkt sich.

Ich lese sehr gern Literatur, aber selbst zu schreiben würde mich langweilen. Schriebe ich einen Roman, ­würde er am Ende sowieso ein Drehbuch werden.

Christian Petzold

Hitchcock soll gesagt haben, man könne nur einen schlechten Roman verfilmen. Ja, weil es dann nur um den Plot geht, das kann ich nachvollziehen. Wenn man einen Krimi liest, drei Männer, eine Bank, muss das Buch nicht gut sein, man nimmt nur das Handlungsgerüst. Danach beginnt aber erst das Kino.

Sie sind bekannt dafür, sich mit Ihren Schauspieler:innen vor dem Dreh ausgiebig vorzubereiten, ­gemeinsam Referenzfilme zu schauen. Gehört bei einer Buchverfilmung wie „Transit“ die  gemeinsame Lektüre dazu? Nein, denn ich gebe den Schauspieler:innen nur Material an die Hand, aber keine Psychologismen. Ich finde, die Imagination müssen sie sich selber bauen, die darf ich ihnen nicht vorgeben. 

Wie stimmen Sie sie dann auf das Projekt ein? Ich erzähle ihnen, was ich gelesen habe, als ich am Drehbuch saß, welche Musik ich gehört, an welche Filme ich gedacht habe, dann fahre ich mit ihnen an die Orte, an denen wir drehen werden. Das mache ich so ein paar Wochen vor Drehbeginn. Und wenn sie anschließend das Drehbuch noch mal allein lesen, füllt sich das auf. Es ist nicht mehr nur ein Drehbuch, in dem sie mit Eddings ihre jeweiligen Parts markieren, sondern ein imaginärer Raum, den sie nun betreten können.

Sind Drehbücher Literatur? Nein. Überhaupt nicht. Bei mir sagen die Schauspieler:innen zwar immer, das wäre Literatur, aber es ist keine. Ich lese auch selbst keine Drehbücher. Und sind Theaterstücke Literatur? Nein, würde ich sagen, vielleicht bis auf die von Tchechow und Shakespeare. 

Welche Rolle spielen Dialoge? Die schönsten Dialoge im Kino sind, wenn die Leute am Tisch sitzen und der eine zu dem anderen sagt: „Kannst du mir mal bitte das Salz reichen?“ Und in diesem Satz, in dem Timing, in den Blicken, die diesen Satz umgeben, steckt manchmal eine ganze Ehe oder die Vernichtung einer Ehe. So was findet im Kino statt, denn nur das Kino sieht diesen Blick. Keine andere Kunst kann das. Das Theater ist zu weit weg, es braucht den Zuschauerraum als Spiegel.  

Wie stehen die Imagination des Buchs und die des Films zueinander? Naturbeschreibungen in Büchern zum Beispiel kann man nicht gebrauchen. Sie sind ja meistens nicht die Beobachtung von wirklicher Natur, sondern Reflexion darüber. Das Kino erarbeitet sich die Welt auf eine andere Weise, es spiegelt sie, es nähert sich ihr, verändert sie durch Objektive, durchs Licht, durch die Postproduktion. Aber letztlich ist Welt da, sie ist vor dem Wort, und was vor dem Wort ist, das ist das Kino. Und die schönsten Momente sind die sprachlosen, wenn die Wirklichkeit in ihrer Bedeutungslosigkeit beleuchtet wird.

Haben Sie ein Beispiel? Wenn bei Nuri Bilge Ceylan in seinem vorletzten Film ein Mann eine Straße entlanggeht und auf einem Feld junge Frauen sieht, die das Feld abernten, und dann kommt eine der Frauen mit Kopftuch angelaufen. Er war lange Jahre weg, und eigentlich waren sie einander versprochen, man merkt das aber nur so am Rande, und sie bittet ihn um eine Zigarette. Damit die anderen Frauen sie nicht rauchen sehen, verbergen sie sich unter ­einem Baum. Sie nimmt die Zigarette, dann kommt ein Windstoß und beide schauen hoch und sehen die Baumkronen sich im Wind bewegen. Ich glaube, so einen Moment von Liebe und gleichzeitig auch des Sichversäumens, wie soll ich das beschreiben. Das ist Kino.

Könnten Sie sich vorstellen, selbst ein Buch zu schreiben? Ich lese ja sehr gern Literatur, aber selbst zu schreiben würde mich langweilen. Ich schreibe gerade an meinem 19. oder 20. abendfüllenden Film. Alle selber geschrieben. Da kann man ja sagen, das ist auch schon ein Gesamtwerk. Ich hätte überhaupt keine Lust, eine Zeile zu schreiben, die nicht für einen Film gedacht ist. Wenn ich einen Roman schriebe, würde er am Ende sowieso ein Drehbuch werden.  

Merkt man am Spiel, ob Schauspieler:innen selbst viel lesen? Ja, das merkt man. Auch qualitativ. Bei guten Schauspielern spürt man die Demut gegenüber dem Text. • 

Über den Regisseur

Christian Petzold, geboren 1960, wird der sogenannten Berliner ­Schule zugerechnet, einer Gruppe von ­Filme­macher:innen, die sich ­zumeist ­nüchtern-analytisch mit der deutschen Geschichte beschäf­tigen. Zu seinen ­bekanntesten ­Werken ­zählen: „Die innere Sicherheit“, „Wolfsburg“, „Barbara“, ­„Undine“ und „Transit“. Petzold wurde unter anderem mit dem Grimme-Preis ­und dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Er lebt mit ­seiner Familie in Berlin-­Kreuzberg.