Eric-Emmanuel Schmitt: FELIX UND DIE QUELLE DES LEBENS

Rückkehr zu den Wurzeln

24. März 2020

Ein Sohn, eine Mutter, ein Café und die Geschichte einer Heilung: Der neue Roman des Erfolgsautors Eric-Emmanuel Schmitt ist eine Liebeserklärung an die wichtigsten Menschen in unserem Leben.

Wenn das kleine Café „Büro“ im Pariser Stadtteil Belleville die Türen öffnet, findet sich eine schrullige Gemeinschaft ein: der schüchterne Robert Larousse zum Beispiel, der die Zeit im Café damit verbringt, die Definitionen ­eines Wörterbuchs auswendig zu lernen, und zu verzweifeln droht, als er sich dem Ende des Buchs nähert. Oder Madame ­Simone – ehemals ein junger Mann namens Jules –, die es als Frau nicht ganz leicht hat, in der Pariser Gesellschaft Fuß zu fassen. Sie alle finden eine Heimat im Café der lebenslustigen Senegalesin Fatou und ihres zwölfjährigen Sohns Felix, für den die Gäste, seit er denken kann, eine erweiterte Familie sind. 

Felix’ Kindheit verläuft in ruhigen Bahnen: Gemeinsam werden bei Kaffee und Wein die Irrungen des Lebens diskutiert und kommentiert, Krisen durchgestanden, Ideen entwickelt, die Zukunft geplant. Doch das vertraute Glück nimmt ein jähes Ende: Fatou, rühriger Mittelpunkt des „Büro“, erfährt, dass beim Kauf ihres ­Cafés ein Fehler passiert und sie nicht als rechtmäßige Eigentüme­rin eingetragen ist. Mit einem Schlag ist alles anders: Fatou verfällt in eine tiefe Depression. 

Ihr Zustand ist erschreckend. Felix, in äußerster Sorge um seine Mutter, nimmt Kontakt mit seinem ihm bislang unbekannten ­Onkel Bamba im Senegal auf, der ohne Zögern nach Paris aufbricht. Gemeinsam versuchen sie, Fatou ins Leben zurückzu­holen, suchen spirituelle Heiler und Ärzte auf, doch sie scheitern: Felix’ temperamentvolle Mutter bleibt erloschen; ihre Tage verbringt sie mit dem Zählen aller Dinge, die ihr in die Hände fallen, und dem Putzen ihrer Habseligkeiten mit Chlorbleiche. 

Doch manchmal nimmt das Leben ganz unerwartete Wendungen – häufig dann, wenn die Verzweiflung am größten ist. Seinen Vater hat Felix nie kennengelernt. Seine Mutter nannte ihn stets den „Heiligen Geist“ und schwärmte von seiner Schönheit. Doch eine Rolle spielte er nie – bis zu dem Abend, an dem Felix sich auf das Fensterbrett hoch überm Hof stellt und sehnsüchtig in die Leere starrt. Einen Schritt nur tun – und die Verzweiflung wäre vorbei. Da hämmert jemand an die Tür: „Guten Abend, ich bin der Heilige Geist“, sagt Felix’ Vater. Und Felix ist nicht mehr allein. 

Eric-Emmanuel Schmitt
Felix und die Quelle des Lebens

C. Bertelsmann

224 S., 20,- €

ISBN 9783570104026

Veränderungen im Familiensystem bleiben nicht ohne Wirkung, und das plötzliche Auftauchen dieses Félicien Saint-Esprit fordert Felix heraus. Félicien entscheidet, dass Fatou in ihre Heimat zurückkehren muss, um zu genesen. Gemeinsam fliegen sie in den Senegal – und zum ersten Mal erfährt Felix, wie es ist, ein schwarzer Junge unter Schwarzen zu sein: „Hier, inmitten von Dunkelhäutigen, war ich abgewertet, abgeschrieben, normal.“ Und auch seine Gewissheit, immer schon der Mittelpunkt im Leben seiner Mutter gewesen zu sein, gerät ins Wanken. Fatou, die sich zeitlebens um ihn und andere ­gekümmert hat, nimmt nun als unabhängige Frau mit eigener Geschichte Gestalt an. Wer ist diese schöne ­Senegalesin mit der lebhaften Fantasie? Und welche Geschichte hat sie nach Europa geführt? 

Eric-Emmanuel Schmitt, bekannt für seine Welterfolge „Oskar und die Dame in Rosa“ und „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, hat mit „Felix und die Quelle des Lebens“ einen zarten, lebensklugen Roman über die Rückkehr zu den eigenen Wurzeln geschrieben. Er erzählt die Geschichte der Migrantin Fatou, die sich in Paris ein neues Leben aufbaut, aber etwas ­We­sent­liches dabei vergisst: die Vergangenheit mitzunehmen. In Frankreich stand Schmitts neuer Roman nicht ohne Grund wochenlang auf den vorderen Plätzen der Bestsellerliste. Dieser Autor versteht es, mit tröstlicher Heiterkeit sowohl die innere Verlorenheit der Protagonistin und ihres Sohns zu schildern als auch den Weg zur Heilung zu zeigen: das Bekenntnis zur eigenen Geschichte und zur Spiritualität.

Mit einem feinen Gespür für seelische Prozesse entwirft Eric-­Emmanuel Schmitt eine Antwort auf die Frage, welche Rolle das Vergangene für unsere heutige Identität spielt. Und was wir tun können, um schmerzhafte Erfahrungen in unser Leben zu inte­grieren. Die Antwort findet sich ganz am Anfang des Buchs: „Derjenige, der gut hinschaut, wird schließlich sehen.“ „Felix und die Quelle des Lebens“ ist ein anrührender Roman über das Erwachsenwerden, über das Heilwerden und über die unerschütterliche Liebe zwischen Eltern und Kind. 

Toni Hecht

Leseprobe

Jahrelang hatte Mama das genaue Gegenteil der Schwermut verkörpert, die sie heute abstumpfte. Lebhaft, sprühend, neugierig, strahlend, gesprächig, zwitscherte sie mit seidenweicher, fülliger, frischer Stimme, der ihr tropischer Akzent eine gewisse Weichheit verlieh, staunte, empörte sich, interessierte sich für alles, lachte über die meisten Dinge, küsste mich ab von morgens – wenn sie mich weckte und mir den Rücken massierte – bis abends – wenn sie mir genüsslich die Anekdoten des Tages erzählte, denn, so pflegte sie zu sagen, „man muss die Geschichten immer erzählen, bevor sie kalt werden“.

Mama betrieb das Café in der Rue Ramponneau in Belleville, ein schmaler Raum mit safrangelben Wänden, in dem sich die Anwohner der Nachbarschaft drängten. Sie war so umsichtig gewesen, ihr Café Büro zu nennen; auf diese Weise konnte ein Stammgast, der an der Bar mit seiner Ehefrau, seinem Ehemann, seinem Mitarbeiter, seinem Chef telefonierte, auf dessen Frage, wo er sich befinde, ganz offen antworten: „Im Büro.“
„So bleiben sie länger und konsumieren bei mir. Niemand traut sich, sie zu nerven oder etwas von ihnen zu verlangen, weil sie ‚Im Büro‘ sind.“ (...)
„Aber mein Meisterwerk bist du, mein Felix“, wurde Mama nicht müde zu wiederholen.
Sie hatte mich Felix genannt, überzeugt, dass mein Vorname – felix bedeutet glücklich auf Lateinisch – mir ein glänzendes Schicksal bescheren würde.
Sie hatte ohne Frage recht … Wir beide waren glücklich in unserer Mansardenwohnung im sechsten Stock des Hauses, in dem sich das Bistro befand.
Mama zog mich allein auf, denn sie hatte mich mit dem Heiligen Geist gezeugt.

Dass sie mich mit dem Heiligen Geist gezeugt hatte, kam mir sehr gelegen. Es brauchte keinen ­Vater zwischen ihr und mir. Sie verschwand zwar gelegentlich zwei oder drei Stunden zu einem Lieb­haber, aber zu Hause zwang sie mir kein männli­ches Wesen auf. Soweit ich mich zurückerinnern kann, habe ich immer gewusst, dass ich ihr Ein und Alles war; bereits als Säugling habe ich diese Herausforderung angenommen: Ich schenkte ihr ­meine vorbehaltlose Liebe. 

In Belleville wusste jeder, dass der Heilige Geist mein Vater war, da sie nicht müde wurde, es den Nachbarn, den Gästen, den Lehrerinnen, den Schülereltern und meinen Kameraden immer und immer wieder zu erzählen. Nachdem die Verblüffung abgeklungen war, beneideten sie mich um diese Abstammung; manche nannten mich bisweilen aus Spaß Jesus, was ich gutmütig zuließ, ich war ja kein Spielverderber und fand es verständlich, angesichts eines so außergewöhnlichen Falls die wenigen Vorgänger zu erwähnen. (...)

Félicien Saint-Esprit, mein Erzeuger, von den Antillen, Kapitän eines Handelsschiffs, hatte vor dreizehn Jahren eine Woche in Paris verbracht und mich mit Mama gemacht. Neun Monate später war er zurückgekommen, um mich auf dem Standesamt anzuerkennen. Danach hatte meine Mutter ihm unsere neue Adresse verschwiegen. „Schluss! Kein weiterer Bedarf mehr für einen Besamer. Nicht, dass er noch Zuneigung entwickelt …“

Eric-Emmanuel Schmitt

Über den Autor

Eric-Emmanuel Schmitt, geboren 1960 in St.-Foy-lès-Lyon, studierte an der École ­normale supérieure in Paris und wurde in Philosophie promoviert. Er machte sich als Theater­autor einen Namen und erhielt 2001 den Grand Prix du Théâtre der Académie française. Sein Buch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ (2001) machte ihn welt­berühmt, es wurde 2004 mit dem Deutschen Bücherpreis ausgezeichnet. 2007 lief sein Regiedebüt „Odette Toulemonde“ im Kino. Eric-Emmanuel Schmitt lebt in Brüssel.