Buchjournal-Fragebogen

#Autorenbesuchen - Heute bei Zoran Drvenkar

18. Juni 2020

Die Corona-Pandemie bestimmt derzeit unser Leben – und natürlich auch das von Autorinnen und Autoren. Zu Hause arbeiten ist für sie zwar nichts Neues, doch auch ihr Alltag sieht momentan oft ganz anders aus. Wir haben nachgefragt und präsentieren unter #Autorenbesuchen regelmäßig neue Antworten aus dem literarischen Homeoffice.

Zoran Drvenkar

Zoran Drvenkar, geboren 1967 in Kroatien und in Berlin aufgewachsen, schreibt Romane für Kinder und Erwachsene, ­Gedichte, Theaterstücke sowie Drehbücher. Für seine Arbeit wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Er wohnt in einer ehemaligen Kornmühle in der Nähe von Berlin.

Wie sehen Ihr Alltag und Ihre Arbeit momentan aus?
Hier hat sich kaum was verändert. Die Sonne geht auf, der Morgennebel hebt sich, die Vögel lärmen und die Bienen summen, dann wird es Mittag, dann Abend und alles legt sich wieder zur Ruhe.

Was ist die größte Herausforderung?
Sich dem nächsten Buch zu stellen.

Worauf freuen Sie sich persönlich besonders, wenn die Krise mal vorbei ist?
Keine Furcht mehr in den Augen der Leute zu sehen.

Welches Buch lesen Sie gerade?
Ich war mal wieder mit Helge Timmerberg in Indien unterwegs ("Im Palast der gläsernen Schwäne") und bei meiner Rückkehr wartete auch schon Roy Jacobsen und verschleppte mich hundert Jahre zurück nach Norwegen. "Die Unsichtbaren" hat mich dabei ein wenig an Carsten Jensens Roman "Wir Ertrunkenen" erinnert, nur daß Jacobsen karger in seiner Sprache ist. Ehe ich mich dann von Norwegen erholen konnte, ging es auch schon nach Paris und mitten in den letzten Roman von Patrick DeWitt ("French Exit" - dt. "Letzte Rettung Paris"). DeWitt ist eine der wenigen unberechenbaren Schreibseelen, bei denen ich nie weiß, was als nächstes kommt. Was aber auch immer er schreibt, es ist stets ein kleines Wunder. 

Welches Buch sollten Buchjournal-Leser*innen jetzt oder später unbedingt lesen?
Zwei Bücher, die bisher leider nicht aus dem Englischen übersetzt sind, klingen auch nach Jahren bei mir immer noch nach. Einmal der Roman "The Orenda" von Joseph Boyden und dann "Country of the Bad Wolfes" von James Carlos Blake. Dann (endlich wieder) ein leuchtender Roman von Pierre Lemaitre "Die Farben des Feuers"; und wann immer mein Herz sanft wird, denke ich an Threes Annas "Warten auf den Monsun". Dann gibt es da natürlich die zwei brillanten Romane von Luca Di Fulvio "Der Junge, der Träume schenkte" und "Das Kind, das nachts die Sonne fand". Da muß man dringend die Cover ignorieren und es wird eine berauschende Reise.

Was macht für Sie ein gutes Buch aus?
Die Basisstory ist mir nicht wirklich wichtig. Wenn mich die Sprache einfängt und die Charaktere mir nahe gehen, lasse ich mich auf alles ein. Aber ich verlange Ausdauer, denn ein Dilemma unserer Zeit sind Bücher, die wunderbar in die Gänge kommen, tolle Ideen und schimmernde Charaktere haben und – um es elegant zu sagen – dann im Finale mächtig abkacken. Es ist furchtbar, als Leser diesen Preis zahlen zu müssen. Es ist pure gestohlene Lebenszeit. Da macht ein Roman einen auf literarisches Ballett, ist graziös und elegant, perfekte Choreographie, alles stimmt, alles fließt, doch plötzlich drehen die Tänzer völlig durch und legen einen Breakdance hin. Das ist der Moment, in dem ich das Buch quer durch den Raum pfeffere und vor mich hinfluche wie der kleine Maulwurf, der einen Haufen auf seinem Kopf entdeckt. Ich will mal grausam sein und behaupte, daß von zehn Büchern neun auf diese Weise gestrickt sind. Vielleicht haben die Schreiber keinen langen Atem, vielleicht denken sie, der Leser knickt eh vorher ein, oder sie haben schon im Voraus einen Breakdance geplant und das ist die schlimmste Vorstellung – daß sie das Buch genauso beenden wollten. 

Welches Buch würde in Ihrer Bibliothek niemand erwarten?
Die gesamte Kollektion von Richard Laymons Romanen, Schulter an Schulter mit Richard Brautigans und Haldor Laxness Werken, die sich an Charles Bukowskis Gedichte und die "Necroscope"-Reihe von Brian Lumley schmiegen. 

Wie sieht für Sie (in normalen Zeiten!) ein gelungener Tag aus?
Ruhe und Arbeit und Musik und Filme und Arbeit und Lesen und Kaffee und Musik und Menschen und Ruhe und die Liebe meines Lebens, die sich mal wieder wundert, was ich jetzt schon wieder schreibe.

Welche geheime oder nicht ganz so geheime Leidenschaft haben Sie?
Der Wunsch nach dem Guten. Die Sehnsucht nach Gerechtigkeit ohne Gier, Neid und Hass. Ein Dasein ohne Angst.

Eine Eigenschaft, die Sie bewundern?
Wann immer sich Humor und Ehrlichkeit die Hand reichen.

Wofür sind Sie dankbar?
Für jeden Tag, der darauf wartet erobert zu werden.

Zoran Drvenkar
Licht und Schatten

Julius Beltz GmbH & Co. KG

584 S., 19,95 €

ISBN 9783407754622

Zoran Drvenkar
Oh je, schon wieder Ferien

Julius Beltz GmbH & Co. KG

60 S., 9,95 €

ISBN 9783407755490