Peter Prange: WINTER DER HOFFNUNG

Ein Winterwunder in Altena

8. Oktober 2020

Nach seinem Bestseller und TV-Erfolg „Unsere wunderbaren Jahre“ erzählt Peter Prange  nun, wie alles begann: „Winter der Hoffnung“ spielt im „Hungerwinter“ 1946 und handelt davon, wie die Menschen in einer Zeit voller Not und Zukunftssorgen ihr Leben meistern.

Dezember 1946: Es ist bitterkalt im Sauerland, Lebensmittel sind knapp, die Bevölkerung ist nach dem Krieg geschwächt. In diesem „Hungerwinter“ spielt Peter Pranges Roman „Winter der Hoffnung“, die Vorgeschichte zu dem Bestseller „Unsere wunderbaren Jahre“, und so gibt es ein Wiedersehen mit den Fabrikantentöchtern Ruth, Ulla und Gundel, mit Tommy, Bernd und Benno. Kriegsheimkehrer Tommy hält sich mit der Veranstaltung von Tanzabenden über Wasser. Er verliebt sich in Ulla, aber die scheint für ihn unerreichbar. Dann wollen die Briten die Metallfabrik von Ullas Vater demontieren und nur Tommy könnte noch eingreifen …

Eigentlich hatte Prange eine Weihnachtsgeschichte geplant, in der es darum gehen sollte, wie Ulla und Tommy zusammen­kamen. Aber seine Figuren wollten mehr: „Hätte ich nur über Tommy und Ulla geschrieben, hätte ich das Gefühl gehabt, dass etwas fehlt.“ Und so ist ein mitreißendes Buch entstanden, in dem ­Peter Prange fesselnd und wie immer historisch akkurat von ­einem Winter unter schwierigsten Bedingungen erzählt, von ­Liebe und Leid, Intrigen, Hoffnungen – und einem kleinen Wunder. Ein Roman zum Versinken, so wie Prange beim Schreiben darin versunken ist: „Es war ein magischer Prozess.“ 

IB

„Der Zeitgeist steckt in Schlagertexten“

Ihr Roman „Winter der Hoffnung“ spielt wieder in Altena, wo Sie aufgewachsen sind. Wie kamen Sie dazu, über die Stadt zu schreiben? 
Peter Prange: Wenn es eine Region gibt, wo ich weiß, wie die Menschen denken und fühlen, dann ist das Altena. Das hängt mit dem Bettengeschäft meiner Eltern zusammen. Ich habe meinen Vater als Kind bei der Auslieferung begleitet, und kaum waren wir in den Schlafzimmern, haben die Leute intimste Geschichten erzählt. Noch heute, obwohl ich seit 40 Jahren in Tübingen lebe, ist mir die Sauerländer Mentalität näher, daher wollte ich immer über Altena schreiben. Die Frage war: Welche erzählenswerte Geschichte hat diese Stadt? Ich habe Romane geschrieben, die in Rom spielen, in Paris, in Istanbul ... und dann ­Altena im Sauerland? In „Unsere wunderbaren Jahre“ habe ich den Aufhänger gefunden, da erzähle ich die Geschichte der Bundesrepublik vom ersten bis zum letzten Tag der D-Mark, und die Rohlinge der D-Mark wurden in Altena produziert. 

Wie reagiert man in Altena auf Ihre Romane? 
Zu meinen ersten Lesungen dort kamen die Leute in Scharen, nicht wegen meiner Bücher, sondern um zu sehen, was aus dem Jungen von Betten-Prange geworden ist. Beim Schützenfest hörte ich einmal hinter mir Getuschel: „Guck mal, der Schriftsteller.“ – „Welcher Schriftsteller?“ – „Na der Sohn von Betten-Prange!“ – „Sag das doch gleich!“. Und noch eine andere schöne Anekdote aus der Heimat: Der Bürgermeister von Altena war auf einer Sitzung des Deutschen Städtetags und ein Kollege sagte zu ihm: „Altena gibt es wirklich? Ich dachte, das wäre eine Erfindung von diesem Peter Prange!“ 

Ihre Bücher sind bekannt für historische Genauigkeit …
Es geht mir darum, zu zeigen, wie Menschen schwierige Situationen meistern. Schwierige Situationen zeichnen sich dadurch aus, dass man die äußeren Rahmenbedingungen nicht beliebig manipulieren kann. Das erleben wir ja zurzeit unmittelbar mit der Corona-Krise: Die Realität ist, wie sie ist, und darin müssen sich meine Protagonisten beweisen. Beim Schreiben erwies es sich dann als Glück, dass man in meiner Familie offen über die Kriegs- und Nachkriegszeit gesprochen hat. So konnte ich aus dem Vollen schöpfen. Die Tanzkurse etwa, die Tommy in meinem neuen Roman organisiert, waren eine Erfindung meines Vaters. Er kam mit 21 Jahren aus dem Krieg und musste Eltern und Geschwister versorgen. Also ließ er sich etwas einfallen: Er konnte zwar nicht wirklich tanzen, aber er zog durch die Sauer­länder Dörfer, brachte den Bauernjungen das bei, was er sich unter Tanzen vorstellte, und bekam dafür Lebensmittel. Diese Fähigkeit, in äußerster Verzweiflung solche Ideen zu entwickeln, finde ich sehr beeindruckend. 

Peter Prange
Winter der Hoffnung

FISCHER Scherz,
336 S., 20,– €, 
ISBN 978-3-651-00091-9

In Ihren Romanen findet man oft Schlagertexte. Wie kam es dazu?
Bei „Unsere wunderbaren Jahre“ fiel mir zum ersten Mal auf, wie viel Zeitgeist in Schlagertexten steckt. Da spielt ein Schützenfest nach dem Krieg eine Rolle, also habe ich recherchiert, was es damals für Schlager gab, und der bekannteste war: „Nach Regen scheint Sonne, nach Weinen wird gelacht“. Die Menschen hatten den Krieg hinter sich und wollten wieder fröhlich sein. Seither schaue ich immer, welche Hits es in der jeweiligen Zeit gab. Es ist unglaublich, wie deutlich der Zeitgeist in Schlagertexten zum Ausdruck kommt.  

Verlieren Sie bei all Ihren Figuren manchmal den Überblick?
Nein. Meine Figuren sind meine zweite Familie, sie sind ständig bei mir, mit all ihren Sorgen und Hoffnungen, oft bis in meine Träume hinein. Sie sind mir so vertraut wie meine engsten Angehörigen.

Wie reagiert Ihre Familie auf diese „Zweitfamilie“?
Meine Frau ist das gewöhnt. Als ich „Unsere wunderbaren Jahre“ schrieb, wurde sie manchmal gefragt: „Wo ist 
Peter, man sieht ihn gar nicht mehr?“ Ihre Auskunft lautete: „Peter ist der glücklichste Mensch der Welt, er ist von morgens bis abends in Altena.“

Was ist Ihr nächstes Projekt?
In meinem nächsten Roman steht ein Paar aus dem „BernsteinAmulett“ im Zentrum, Konstantin und Christel Reichenbach. Die beiden erleben die Weimarer Republik, und ich erzähle, wie dieses große Freiheitsprojekt, das 1918 begann, 1933 in einer kollektiven Selbstentmündigung endete.

Besteht die Gefahr, dass Ihnen die Ideen ausgehen?
Ich bin mit meiner Verlegerin mal meinen Zettelkasten durchgegangen. Dabei haben wir festgestellt, dass ich ungefähr 130 Jahre alt werden muss, um alle meine Vorhaben zu realisieren.  

Interview: Irene Binal

Peter Prange

Über den Autor

Peter Prange, geboren 1955 in Altena, ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Schriftsteller. Seine Bücher haben eine Gesamt­auflage von über drei Millionen und wurden in 24 Sprachen übersetzt. Zuletzt stand sein zweibändiger Roman „Eine Familie in Deutschland“ auf den Bestsellerlisten. Die ­Verfilmung von „Unsere wunderbaren Jahre“ begeisterte im Frühjahr ein Millionenpublikum. Der Autor lebt mit seiner Frau in Tübingen.