Daniel Mellem: DIE ERFINDUNG DES COUNTDOWNS

„Literatur weitet den Blick“

1. Oktober 2020

Daniel Mellem geht in seinem mitreißenden Debütroman dem außergewöhnlichen Leben des Physikers Hermann Oberth nach, der ein genialer Erfinder war, aber auch mit den Nationalsozialisten sympathisierte.

Daniel Mellem

Was macht den Physiker Hermann Oberth als literarische Figur interessant? 
Hermann Oberth ist eine tragische, streitbare Figur des 20. Jahrhunderts, sein Leben ist voller Sehnsüchte und Verfehlungen. Er war einer der ersten Raketenpioniere, und als der Mensch 1969 zum Mond flog, saß Oberth auf der Zuschauertribüne in Cape Canaveral – ein Utopist, der die Erfüllung seiner Utopie erleben durfte. Das ist nicht vielen vergönnt. 

Er hat an der V2-Rakete der Nazis mitgearbeitet. War es ihm egal, für wen er forscht?
Anhand von Oberths Leben stellen sich Fragen nach der Verantwortung von Wissenschaft. Im Roman ist es seine Frau Tilla, die ihn hinterfragt: Sie bewundert ihn für seinen Traum und leidet gleichzeitig darunter. Oberth glaubte ursprünglich wohl, mit Raketen ließen sich – im Sinne einer Abschreckungslogik – ­Kriege verhindern. Seine Erlebnisse im Ersten Weltkrieg spielten da eine maßgebliche Rolle, sein Bruder war damals gefallen. Aber er wollte die Waffe Hitler geben, hat ihm sogar geschrieben und später auch in Peenemünde mitgewirkt. Etwas, über das ich erschrocken bin und das schwer zu begreifen ist. 

Haben Sie Oberth durch die Arbeit an dem Buch besser verstanden?
Oberth träumte von der Zukunft und verstand sich zugleich als Teil seiner nationalsozialistischen Gegenwart – eine Person ­voller Widersprüche. Dazu lebte er zwischen den Welten. Er war ein Volksdeutscher aus Siebenbürgen, das nach dem Ersten Weltkrieg Teil von Rumänien wurde. Fortan galt er in Deutschland als Ausländer, als jemand „vom Balkan“. Das hat ihn wohl gekränkt, er wollte dazugehören.

Sie selbst haben in Physik promoviert und anschließend ­Literarisches Schreiben studiert. Hat Ihnen die Naturwissenschaft nicht genügt?
In der Physik beschreibt man die Welt in möglichst einfachen Theorien, das Denken ist deterministisch. Das bedeutet aber auch eine Verengung; für Emotion, Widersprüchliches, Uneindeutigkeit ist dort kein Platz. Die Literatur ist da viel freier. Sie geht genau in diese Dinge hinein, kann so den Blick auf die Welt weiten. 

Interview: Holger Heimann

Daniel Mellem
Die Erfindung des ­Countdowns

dtv, 288 S., 23,– €,
ISBN 978-3-423-28238-3

Über den Autor

Daniel Mellem, geboren 1987, lebt in Hamburg. Sein ­Studium der Physik schloss er mit einer Promotion ab, bevor er sich am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig der Arbeit an seinem ersten Roman widmete. Für „Die Erfindung des Countdowns“ wurde er bereits mit dem Retzhof-Preis für junge Literatur und dem Hamburger Literaturförderpreis ausgezeichnet.