WESTERMANNS FUNDSTÜCKE

Sommer der Umbrüche

16. Juni 2023

Christine Westermann empfiehlt Lektüre abseits der aktuellen Bestsellerlisten. Bücher, die auch das Wiederlesen lohnen. Dieses Mal: „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ und „Das innere Ausland“.

Wenn nicht jetzt, wann dann ein Buch lesen, das einen mitten in die Sommerferien schiebt? „Die vier Jahreszeiten des Sommers“ (Atlantik, 192 S., 12,– €) von Grégoire Delacourt erzählt die Geschichte von vier Paaren, die Urlaub in einem Seebad im Norden Frankreichs machen. Sie kennen einander nicht, aber im Laufe der Geschichte werden sich ihre Wege kreuzen. 

Was sie eint? Die Liebe, die jeder von ihnen anders erlebt. Mit all den Facetten, die unweigerlich dazugehören: Sehnsucht, Lust, Leidenschaft, Enttäuschung, Wehmut. Was sie voneinander unterscheidet? Eine junge Liebe beginnt. Eine ehemals leidenschaftliche ist vorbei. Eine, die schon fast verloren schien, schafft den Neuanfang. Und eine lebenslange Liebe wird am selben Ort, zur selben Zeit ihr Ende finden. Es ist der 14. Juli, der französische Nationalfeiertag. Vier Paare schauen an diesem Sommertag auf ihr Leben und ihre Lieben, aus unterschiedlichen Perspektiven. Das wird still beschrieben, ist nie lautes oder gar schrilles Sommertheater, aber genau das macht diese Geschichte so attraktiv. Am Ende, auf nicht einmal anderthalb Seiten, schlägt der Roman noch einmal einen über­raschenden, fast schon spektakulären Bogen. Erzählt, was aus den Menschen geworden ist, die sich zehn Jahre zuvor im Sommer am Meer in Frankreich ­begegnet sind. 

Weil Frankreich und Liebe zumindest theoretisch irgendwie zusammengehören, bleiben wir im Land und bei der Liebe. „Das innere Ausland“ ­(Piper, 176 S., 12,– €) heißt der Roman von Thommie Bayer. Im Mittelpunkt ein ehemaliger Bahnschaffner, der sich in einem schönen Haus in Südfrankreich zur Ruhe gesetzt hat. Andreas Vollmann ist 60 Jahre alt, lebt bedächtig in den Tag hinein, er ist allein. Er hat nicht resigniert, aber vom Leben erwartet er nichts mehr. Bis es eines Tages an der Haustür klingelt und eine junge Frau vor der Tür steht. Und das Leben völlig unerwartet seine Richtung ändert. Nein, nicht Richtung große Liebe, das wäre zu platt. Der Autor hat sich ­etwas sehr viel Zarteres ausgedacht. 

„Das innere Ausland“ – ein Titel, der zielgenau beschreibt, wie es ist, wenn einer in sich selbst nicht zu Hause ist. Hinten auf dem Buch­deckel steht die Frage: Lässt sich ein verpasstes Leben nach­holen? Das könnte klappen, hofft man, wenn man auf der letzten Seite ist. Die beiden Protagonisten sollten es zumindest mal miteinander versuchen. 

Über unsere Kolumnistin

Christine Westermann ist Autorin und Journalistin. Sie arbeitet seit vielen ­Jahren für das Fernsehen und den ­Hörfunk des WDR, war Mitglied beim "Literarischen Quartett“ und moderierte zusammen mit Götz Alsmann die ­Sendung „Zimmer frei“.