Jana Revedin: MARGHERITA

Venedigs First Lady

2. Juli 2020

Peggy Guggenheim wird ihre beste Freundin, sie holt Greta Garbo zum ersten Filmfestival nach Venedig, macht die Stadt zum Zentrum der Kultur. Mitreißend erzählt Jana Revedin das vergessene Leben der Zeitungsausträgerin Margherita, die als Gräfin Revedin Venedigs Zukunft in die Hand nimmt.  Ein Interview mit der Autorin.

Was hat Sie daran gereizt, das Leben von Margherita Revedin, der Großmutter Ihres Mannes, als Roman zu veröffentlichen? 
Die Resonanz auf meinen Debütroman „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“, der den atemberaubenden Einsatz von Walter Gropius’ zweiter Ehefrau Ise Frank für das Bauhaus beschreibt, war so überwältigend, dass ich mich erneut ­einem vergessenen Schicksal widmen wollte. Es gibt unzählige außergewöhnliche Frauen, die sich in den Dienst der Emanzipation gestellt haben und die – aufgrund der damals rein männlichen Kunst- und Zeitkritik – schlichtweg aus der Geschichte gestrichen wurden. 

Im Internet findet sich nichts über die Frau, die vom Zeitungsmädchen zur First Lady Venedigs aufstieg, das Filmfestival miterfand und Künstlergrößen in die Stadt holte. Auf welche Quellen konnten Sie sich stützen?
Auf das bisher unveröffentlichte Archiv meines 1936 verstorbenen Schwieger-Großvaters Antonio „Nino“ Revedin, Leica-Kleinbildfotografien der Stadt und ihrer Menschen aus den 1920er und 1930er Jahren.

Jana Revedin

Sie lassen Margherita in vielen Szenen und Dialogen sehr lebendig werden. Wie viel ist fiktiv, wie viel real?
Marguerite Yourcenar würde sagen: „Alles ist fiktiv. Alles ist real.“ 

Dabei erzählen Sie die Geschichte des verarmten, entvölkerten Venedig nach dem Ersten Weltkrieg und der Spanischen Grippe. War das ebenfalls ein Motiv für den Roman?  
Als ich vor gut zehn Jahren mit den Recherchen zu diesem Buch begann, lebten wir noch im Wahn des ökonomischen und ökologischen Endloswachstums. Seither haben wir die Grenzen des Anthropozäns zu ermessen gelernt. Nie hätte ich ahnen können, dass uns eine globale Wirtschaftskrise, die größte Völkerwanderung seit dem Mittelalter und die furchterregendste Pandemie seit der Spanischen Grippe erreicht. In den vergangenen Monaten habe ich Venedig so berührend still und fragil erlebt, wie die Stadt 1920 war, als der Roman beginnt. 

Margherita engagierte sich für einen exklusiven Kultur- und Naturtourismus als Zukunftsvision für Venedig. Wie aktuell ist dieser Ansatz heute für die vom Massentourismus zerstörte Stadt?
Aktueller denn je. Wäre Margherita heute Bürgermeisterin, würde sie auf einen Tourismus kultureller Nachhaltigkeit setzen. Sie würde drei Millionen Gäste im Jahr zulassen, nicht 30. Sie würde auf einem Mindestaufenthalt und einer aktiven Teilnahme am lokalen Wirtschafts- und Kulturleben bestehen. Dies würde Arbeitsplätze, leistbaren Wohnraum und soziale Inklusion schaffen; die Stadt könnte sich, wie vor 100 Jahren, aus sich selbst heraus erneuern. 

Interview: Anita Strecker

Jana Revedin
Margherita

Aufbau

304 S., 22,- €

ISBN 978-3351038304

Über die Autorin

Jana Revedin, geboren 1965 in Konstanz, studierte in Buenos Aires, Princeton und Mailand. Sie promovierte, wurde an der Universität ­Venedig habilitiert und ist seit 2016 ordentliche Professorin für Architektur und Städtebau an der École Spéciale d’Architecture in Paris. 2018 erschien ihr Bestseller "Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus". Seit 1991 ist sie mit Antonio Revedin, dem Enkel von Margherita Revedin, verheiratet und lebt in Venedig.