Die Autor*innen der Shortlist

Deutscher Buchpreis: "Jeder hat seine Wahrheit"

6. Oktober 2021

Fünf der sechs Finalist*innen des Deutschen Buchpreises stellten sich im Literaturhaus Frankfurt dem Publikum im Saal und an den Bildschirmen vor: Was Monika Helfer, Thomas Kunst, Antje Rávik Strubel, Norbert Gstrein und Mithu Sanyal über ihre mit der Shortlist nominierten Bücher sagen. 

Antje Rávik Strubel, Norbert Gstrein, Monika Helfer, Mithu Sanyal und Thomas Kunst (von links)

Freudig gespannt: So lässt sich die Stimmung von Gästen, Publikum und Veranstaltern beschreiben, die im großen Saal des Frankfurter Literaturhauses herrschte. Dessen Leiter Hauke Hückstädt, Dr. Sonja Vandenrath vom Kulturamt der Stadt Frankfurt und Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, hielten ihre Gruß- und Dankesworte gerne kurz, um der Literatur an diesem Abend viel Raum zu geben. Eva-Maria Magel (F.A.Z.), Christoph Schröder (freier Kritiker) und Bianca Schwarz (hr2-kultur) stellten die fünf Autor*innen vor, die auch interessante Einblicke in ihre Schreibwerkstätten gewährten. Christian Kracht, nominiert für seinen Roman "Eurotrash", konnte nicht teilnehmen.

Monika Helfer im Gespräch mit Christoph Schröder

"Der Vater liebt die Bücher viel mehr als uns"

Schon mit ihrem im bäuerlichen Milieu angesiedelten Roman "Die Bagage" hatte Monika Helfer großen Erfolg bei Kritik und Leser*innen. War ihr Roman "Vati" nun "ein weiteres Puzzleteil in einer großen Familiengeschichte", wollte Christoph Schröder von der österreichischen Autorin wissen, die kein Geheimnis daraus machte, dass die titelgebende Figur stark an ihren eigenen Vater angelehnt ist. Sie habe diesem vernachlässigten Charakter nach Abschluss der "Bagage" ein Denkmal setzen wollen. Der vom Krieg Gezeichnete, ein Buchliebhaber, der in den 1950er Jahren ein Erholungsheim für Kriegsversehrte leitete, ist die zentrale Figur des Romans. Sie habe diese Geschichten erst aufschreiben können, als viele Protagonist*innen verstorben waren, erzählte Monika Helfer; sie sei dem Vater trotz aller Recherchen nur bedingt näher gekommen: "Ich habe ihn überhaupt nicht verstanden, auch durch das Schreiben nicht. Er war sich selber rätselhaft." Eine finale Deutung gebe es ohnehin nicht: "Jeder hat seine Wahrheit." Christoph Schröder wies auf die in seinen Augen zentralen Sätze aus "Vati" hin: "Es geht hier niemand verloren" und "Wir haben uns sehr bemüht".

Thomas Kunst

"Ich habe gar nichts am Anfang"

Dass Thomas Kunsts Roman "Die Zandschower Klinken" mit Anfang, Mitte und Ende eher spielerisch umgeht, machte Eva-Maria Magel gleich zu Beginn des Gesprächs klar – und auch, dass die inhaltliche und sprachliche Opulenz des Werks und das nicht lineare Erzählen die Leser*innen vor Herausforderungen stellten. Die Geschichte von der Flucht des Bengt Claasen ins dörfliche Zandschow, bei der ein Hundehalsband und der Zufall eine entscheidende Rolle spielen, entfalte dennoch eine "ungeheure Sogkraft". Der Autor selbst gestand, er habe zu Beginn des Schreibens kein Konzept, die Geschichte entwickle sich und er lasse sich mitreißen. Und er höre beim Schreiben immer Musik. "Ich brauche klare Strukturen für dieses Chaos." Der Roman, in dem unter anderem ein obdachloser Kristalllüster, "Getränke Wolf" und ein taxifahrendes Reh zum Personal gehören, sei eine Utopie und "ein Hohelied über die Provinz". Dass noch viel mehr in diesem reichen Buch steckt, machten drei kurze Lesepassagen deutlich. "Mein Ideal an Romanliteratur ist, dass man sie nicht nacherzählen kann", so Thomas Kunst.

Antje Rávik Strubel

"Ich schreibe sehr rhythmisch"

Machtgefälle struktureller Art, Gewalt gegen Frauen, Ost und West: Es gibt viele Themen in Antje Rávik Strubels ungeheuer dichtem Roman "Blaue Frau", stellte Bianca Schwarz beeindruckt fest und fragte: "Wieso alles in einem Buch?" Alles, was in ihrem Roman verhandelt werde, habe sich aus der Geschichte Adinas entwickelt, einer jungen Frau, die nach einer brutalen Vergewaltigung aus der Uckermark nach Helsinki flieht, beschrieb Antje Rávik Strubel den Prozess des Schreibens. Adina kam in einem früheren Werk der Autorin vor und wurde zum Ausgangspunkt für diesen Roman. In der Lesepassage treffen Adina und der estnische Professor Leonides aufeinander, zwei Menschen, so die Autorin, "die schicksalhaft durch ihre Dunkelstellen verbunden sind". Was hat es mit der titelgebenden Figur auf sich? "Wenn die blaue Frau auftaucht, muss die Erzählung innehalten", heißt es an einer Stelle, und Antje Rávik Strubel erzählte von der wichtige Funktion dieser Figur, die ihr geholfen habe, ihre eigene Position als Schriftstellerin im Text zu thematisieren. Die Autorin hat acht Jahre an diesem Roman gearbeitet. Als ihr das ganze Ausmaß sexueller Gewalt gegen Frauen und die vielen auch rechtlichen Ungerechtigkeiten bewusst geworden seien, habe sie das Schreiben aus Zorn darüber für eineinhalb Jahre unterbrechen müssen. "Ein relevantes Buch" beschließt Bianca Schwarz sichtlich begeistert das Gespräch.

Norbert Gstrein und Christoph Schröder

"Das Unheimliche beiläufig erzählen"

Als "ein ungemein raffiniert komponiertes Buch" bezeichnete Christoph Schröder den Roman "Der zweite Jakob" von Norbert Gstrein, der 2019 für "Als ich jung war" den Österreichischen Buchpreis erhalten hatte. Jakob Turner, ein erfolgreicher Schauspieler, der gerne für finstere Rollen engagiert wird, verspüre einen "beträchtlichen Widerstand" gegen seinen bevorstehenden 60. Geburtstag und das Vorhaben eines Journalisten, eine Biografie über ihn zu verfassen, so der Autor über seine Hauptfigur. "Er macht sich selbst daran, seine Geschichte zu erzählen" – das Ergebnis sei nun dieser Roman. Christoph Schröder sah Jakob, der ein dunkles Geheimnis zu hüten scheint, als "unzuverlässigen Erzähler", der Autor wollte lieber von einem "unheimlichen Erzähler" sprechen, der, wie die Lesung zeigte, auch ein liebevoller Vater für seine erwachsene Tochter Luzie ist. Ob Jakob auch ein Mörder ist – es gibt eine ungeklärte Serie von Frauenmorden –, erfuhr das Publikum an diesem Abend nicht, dafür etwas über Norbert Gstreins Erwartungen an guten Lesestoff: "Man langweilt sich ja häufig, wenn man nur Studienräte in Romanen hat, die alles richtig machen!"

Mithu Sanyals Lesung bewies, dass das Thema Identität auch mit Humor klarkommt 

"Verzeihen ist ein wichtiges Thema"

Eva-Maria Magel sprach am Ende des Abends mit Mithu Sanyal über deren Romandebüt "Identitti". Das Buch, erinnerte sich die Kritikerin, sei fast zeitgleich mit Wolfgang Thierses viel diskutiertem Artikel über "Identitätspolitik" erschienen. "Es geht wild zu", so ihr erster Eindruck von der Geschichte um die Studentin Nivedita, die als "Identitti" oder "Mixed Race Wonder Woman" erfolgreich über Identität und Sexualität bloggt und oft mit ihrer inneren Göttin Kali spricht. Zweite Hauptfigur: die ebenso umschwärmte wie gefürchtete Professorin für postkoloniale Studien, Saraswati, deren Identität als "Person of Color" sich als Fake erweist, was einen Riesenskandal auslöst. "Doch was passiert danach? Wie kann das Leben weitergehen? Kann es Versöhnung geben?" – diese Fragen interessieren die Autorin, die ihr Buch nicht als "Sachbuch in Verkleidung" verstanden wissen möchte, viel mehr. Dass auch Humor in diesem mit brisanten Themen gespickten Roman steckt, stellte Mithu Sanyal mit ihrer Lesung unter Beweis, in der Nivedita sich an eine erotische Dreiecksgeschichte aus ihrer Teenagerzeit erinnert. Ein Geschenk der Autorin an das "sicherlich erschöpfte Publikum", das so lange ausgeharrt habe.

Die Veranstaltung

Eine gemeinsame Veranstaltung von Kulturamt Frankfurt am Main und Literaturhaus Frankfurt. Partner ist die Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Die Veranstaltung wird gefördert im Rahmen von "Neustart Kultur" der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds e.V. Als Livestream fand die Veranstaltung in Kooperation mit dem Netzwerk der Literaturhäuser statt. Medienpartner ist hr2-kultur. Zu hören sind die einzelnen Lesungen dort zwischen dem 13. und 15. Oktober, jeweils um 09.05 Uhr und 14.30 Uhr.

Über den Deutschen Buchpreis

Der Deutsche Buchpreis wird von der Stiftung Buchkultur und Leseförderung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels vergeben. Förderer des Deutschen Buchpreises ist die Deutsche Bank Stiftung, weitere Partner sind die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie die Stadt Frankfurt am Main. Die Deutsche Welle unterstützt den Deutschen Buchpreis bei der Medienarbeit im In- und Ausland

Der Jury gehören neben ihrem Sprecher Knut Cordsen (Kulturredakteur, Bayerischer Rundfunk) an: Bettina Fischer (Leiterin Literaturhaus Köln), Anja Johannsen (Leiterin Literarisches Zentrum Göttingen), Richard Kämmerlings (Literarischer Korrespondent, Die Welt), Sandra Kegel (Ressortleiterin Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung), Beate Scherzer (Buchhändlerin, Proust Wörter + Töne), Anne-Catherine Simon (Feuilleton-Redakteurin, Die Presse).

Erst am Abend der Preisverleihung erfahren die sechs Autor*innen, an wen von ihnen der Deutsche Buchpreis geht. Der oder die Preisträger*in erhält ein Preisgeld von 25.000 Euro; die fünf Finalist*innen erhalten jeweils 2.500 Euro. Die Preisverleihung findet am 18. Oktober 2021 zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt.

Text: Sabine Rock