Spiele-Bestseller

"Siedler von Catan"-Erfinder Klaus Teuber ist tot

6. April 2023

Der Spieleautor und „Siedler von Catan“-Erfinder Klaus Teuber ist nach kurzer und schwerer Krankheit am 1. April im Alter von 70 Jahren gestorben. Wir erinnern an ihn mit einem Porträt.

Catan war sein Welterfolg

Klaus Teuber war einer der erfolgreichsten deutschen Spiele-Autoren. „Mit seinen vielen preisgekrönten Spielen hat er Millionen von Menschen auf der ganzen Welt begeistert. Mit „CATAN“ erschuf Klaus Teuber ein einzigartiges Spiele-Universum, das zu einem der erfolgreichsten Brettspiele in weit über 40 Ländern wurde. Er hat damit das Genre des „German Boardgame“ etabliert und geprägt“, so der Kosmos Verlag, in dem die "Catan"-Spiele erschienen sind.  Bis kurz vor seinem Tod hatte Klaus Teuber am dritten Band seiner Catan-Romantrilogie gearbeitet, die die Geschichte seiner Spielewelt und seinen Bewohnern erzählt.

Sabrina Gab, Redakteurin des Fachmagazins Börsenblatt,  hatte 2009 Klaus Teuber zuhause besucht. Ihr Porträt zeigt einen ganz unprätentiösen, symphatischen Erfinder und gelernten Zahntechniker:

Am Abend vor unserem Treffen hat Klaus Teuber wie so oft Doppelkopf gespielt –mit vier ehemaligen Klassenkameraden, mit denen  sich der 56-Jährige schon mehr als 30 Jahre zum Kartenspielen trifft. »Das war wieder sehr lustig. Wir haben mittlerweile unsere eigenen Regeln«, lächelt Teuber. Wahrscheinlich könnte er mit keinem anderen mehr Doppelkopf spielen. Teuber ist kein großer Stratege, der seine Mitspieler ewig auf die Folter spannt, während er über dem nächsten Spielzug brütet. Er will nicht langweilen. Die Intuition soll beim Spielen nicht zu kurz kommen.
Es ist kaum zu übersehen – seine Leidenschaft fürs Spielen muss auch etwas mit den Elastolin-Figuren zu tun haben, die neben anderen Erinnerungsstücken aus seiner Kindheit in Vitrinen ausgestellt sind – zwei dieser Schaukästen stehen im Büro, drei im Nebenzimmer, das einen Tisch zum Spieletesten und eine Küchenzeile beheimatet. Dort hat er schon zahlreiche Spiele auf Herz und Nieren geprüft – auch mit seinen beiden Söhnen. Auf zwei Fotos, die über seinem Schreibtisch hängen, ist er mit jeweils einem seiner Söhne zu sehen. Zweimal das gleiche Motiv: Vater und Sohn sitzen sich am aufgebauten Spielbrett gegenüber und prosten sich zu.
Mehr als 40 Jahre ist es her, dass er mit den kleinen römischen Soldaten auf ovalen Sockeln gespielt hat. Inzwischen sind die Figuren nur noch über Ebay zu kriegen. Teuber hat sich aus Nostalgie wieder welche gekauft. Schon damals war das Spielen auch mit dem Austüfteln von Regeln verbunden. »Wir haben mit ein paar Jungs Schlachten nachgespielt und uns selbst Regeln dazu ausgedacht«, erzählt Teuber. Die hat er, als er zwölf war, auch aufgeschrieben. »Spätestens mit 15 hat der Spaß daran dann wieder etwas nachgelassen –  da waren die Mädels interessanter als die Figuren«, meint der Vater von drei Kindern grinsend, der mit seiner Frau mittlerweile seit 36 Jahren verheiratet ist.

Seine Familie ist auch der Grund, warum Teuber erst auf Umwegen zum Spieleerfinder wurde. Zunächst entschied er sich, wie sein Vater, für den bodenständigen Beruf Zahntechniker – »aus der Not heraus, schon früh eine Familie ernähren zu müssen«, sagt er. Als er mit 25 Jahren zum zweiten Mal Vater wurde, ließ er auch das begonnene Chemiestudium wieder sausen.
70 Mitarbeiter waren früher im Dentallabor des Vaters beschäftigt, der Sohn stieg mit ein. »Das war eine regelrechte Boomzeit«, schwärmt Teuber, »eine 14-gliedrige Brücke oben und unten – die Kasse hat damals alles bezahlt.« Als Gesundheitsreformen den Rotstift ansetzten, musste das Labor Teuber, das es bis heute in Darmstadt gibt, auf 20 Mitarbeiter schrumpfen. »Das war eine sehr harte Zeit«, sagt Teuber, der den Druck von Zahnärzten und Kunden aushalten und gleichzeitig unliebsame Entlassungen aussprechen musste.
Als dann auch noch sein Vater krank wurde und Teuber den Betrieb alleine führen musste, wurde das Spieleerfinden immer mehr zu seinem Refugium. »Dort durfte ich schalten und walten wie ich wollte. Keiner konnte mir reinreden.«
Spielideen holt sich der Vielleser vor allem aus Fantasygeschichten. Die Inspiration zu seinem ersten Spiel kam ihm nach der Lektüre der »Schule der Rätselmeister« – Band 1 der »Erdzauber«-Trilogie von Patricia A. McKillip, einer Fantasygeschichte über Zaubermeister.
Teuber steht auf und holt den Band, den er Anfang der 80er Jahre gelesen hat, aus dem Regal: »In McKillips Geschichte gibt es ganz besondere ­Duelle: Einer muss ein Rätsel gestalten, der Gegenspieler muss es erraten«, erklärt Teuber. Als er eines Tages im Zimmer seiner Kinder über Knetfiguren stolperte, war die Spielidee für »Barbarossa und die Rätselmeister« geboren: Hier geht es darum, geknetete Aufgaben zu lösen.
Liebevoll hat Teuber sein erstes Konzept ausgearbeitet – nicht am Computer, sondern mit Pinsel und Farbkasten. Freunde und Verwandte testeten das Spiel in unzähligen ­Runden. Bis es 1988 auf den Markt kam, wurde »der Spielplan mindestens 15-mal umgestaltet«, erzählt Teuber. Es hat sich gelohnt: »Barbarossa und die Rätselmeister« wurde Spiel des Jahres.

Mit den Erlösen aus den ersten Spieleverkäufen gelang es Teuber 1990, den väterlichen Betrieb auf gesunde Beine zu stellen. Einige ­Jahre lang arbeitete er parallel als Spieleentwickler und Zahntechniker – bis er mit drei Kollegen die Firma TM Spiele gründete und das Dentallabor schließlich sieben Jahre später verkaufte. Auch wenn Zahntechniker »nie ein Traumberuf« für ihn war, hat ihm das Modellieren doch Spaß gemacht. Statt Prothesen, Brücken und Kronen formt er nun Figuren und anderes Spielezubehör – nach seinen Vorstellungen.
Teuber, der auch malt und Geschichten schreibt, sagt über sich selbst, er habe auf allen Gebieten »ein gewisses Talent, aber auf keinem ein bahnbrechendes«. Zum Spieleerfinden hat er vielleicht gerade deshalb gefunden.
Einfach draufloszubasteln – das kann sich der gefragte Spieleentwickler heute nicht mehr leisten. Erst wird ein genaues Konzept ausgearbeitet, dann fängt er an, einen Prototyp zu erstellen. Spielkarten entwirft er heute am Computer mit üblichen Bild­bearbeitungs- und Zeichenprogrammen. Im Keller hat er eine Säge stehen, da werden auch schon mal Figuren gebastelt, »wenn sie besonders sein sollen«. Sonst greift Teuber auf Standardmaterial zurück. Der Durchbruch gelang ihm 1995 mit dem Spiel »Die Siedler von Catan«. Teuber erinnert sich: »Das Spieleprogramm bei Kosmos war zu jener Zeit recht übersichtlich und ist dann dank >Catan<, das auch Spiel des Jahres wurde, regelrecht explodiert.«
TM Spiele und Kosmos arbeiten bei der Programmarbeit bis heute eng zusammen. Außerdem hat Teuber 2002 mit seinem ältesten Sohn Guido die Catan GmbH gegründet. Guido lebt in den USA, hat dort internationales Recht studiert und kümmert sich um internationale Lizenzgeschäfte. Auch Teubers Frau und der jüngste Sohn Benjamin arbeiten im Familienunternehmen.
Die »Catan«-Spielefamilie wächst und wächst um immer neue Varianten. Beim Blick auf das Spieleregal im Wohnzimmer und das Archiv im Keller wird einem fast schwindelig. Mit allen Ablegern hat der Kosmos Verlag mittlerweile rund zehn Millionen Exemplare von »Catan« verkauft. Zum 60. Geburtstag der Bundesrepublik ist gerade eine Deutschland-Edition erschienen.

Vor Groupies muss sich der 56-Jährige in seinem Reihenhaus in Roßdorf bei Darmstadt trotzdem nicht verstecken. »Es gab zwar schon mal Leute, die aus England angereist kamen und plötzlich hier vor der Tür standen. Oder Kinder, die mal ein Autogramm wollten – das ist aber nichts, was mich belästigen würde«, sagt Teuber und zieht an seiner Zigarettenspitze. Der Blick aus dem Fenster, das für diese Jahreszeit unverschämt viel Sonnenlicht einlässt, legt eine verwunschene Landschaft frei, in der sich Kristallglitzer auf Schnee spiegeln – die Stimmung passt zu »Catan«. Auf dem Schreibtisch hat Teuber zwei große Tüten mit Vogelfutter stehen. Auf seiner Sonnenterrasse füttert er damit gern Meisen, beobachtet, wie sie sich um Körner streiten – und tüftelt schon wieder am nächsten Spiel.