Ellen Sandberg: DAS GEHEIMNIS

Quälendes Geheimnis

25. November 2021

Ulla wurde als Kind von ihrer Mutter Helga verlassen. Erst Jahrzehnte später kehrt Ulla an den Chiemsee zurück und erfährt, was der Grund war. Schuld, Verdrängtes, Flucht: Ellen Sandbergs neuer Bestseller „Das Geheimnis“ ist ein Roman voller Abgründe.

Ellen Sandberg

Rabenmutter. Herzlose Egoistin. Miese Verräterin. Wenn die sonst so beherrschte, bald 60-jährige Ulla Langenbach an ihre schon lange verstorbene Mutter denkt, gerät sie in Rage. Gerade neun Jahre alt war sie, als Helga sie abrupt aus ihrem Leben verbannte. Mann und Tochter hatte ihre Mutter schon drei Jahre zuvor verlassen. Immerhin durfte das Mädchen danach noch von München, wo ihr spießiger Vater mit einer ­neuen Frau lebte, zum idyllischen Moarhof am Chiemsee fahren, um Helga in der Künstlerkommune zu besuchen.  Aber ausgerechnet nach einem von ihr selbst verursachten Autounfall, bei dem sich Ulla schwer verletzt hatte, brach die Mutter jeglichen Kontakt ab. Das war unbegreiflich für die Neunjährige. Ulla Langenbach, die Hauptperson in Ellen Sandbergs Roman „Das Geheimnis“, versteht es bis heute nicht. 

Ansonsten ist die Freiberuflerin recht zufrieden. Sie betrachtet sich als „glücklich geschieden“ von ihrem Mann Stephan, arbeitet als Korrektorin für einen Verlag, ist dank der ehemaligen Firma ihres Vaters finanziell bestens abgesichert und vermisst an ihrer Wohnung in München nur den Balkon. Ihr Lebensmotto: „Besser den Ärger herunterschlucken.“ Weil sie ihrer Tochter Sandra nach ihrer eigenen verkorksten Kindheit eine intakte Familie bieten wollte, hatte Ulla so lange in ihrer Ehe durchgehalten, bis Sandra zum Studium nach Berlin zog. Erst dann bat sie Stephan um die Scheidung. Sie wollte immer eine gute Mutter sein und glaubt, es auch gut hinbekommen zu haben. Dass ihre Tochter das neuerdings anders zu sehen scheint, verletzt sie. 

"Mich faszinieren Abgründe und Geheimnisse. Die finstere Seite ist ja die interessantere."

Ellen Sandberg

Verstörende Sprachnachrichten
Weil es Anfragen zum Nachlass ihrer Mutter gibt und sie einfach mal raus will aus München, fährt Ulla erstmals nach langer Zeit wieder an den Chiemsee. Sie will eine Woche Urlaub im Dorf Moosleitn machen, wo Helga mit Gleichgesinnten lebte und rätselhafte Kunstwerke schuf. Ulla erinnert sich an Performances, deren Sinn nur Helga selbst kannte – „verstörende Aktionen“, bei denen die Mutter mitunter blutüberströmt zusammenbrach. 

Die Exzentrikerin wohnte in einem „Häusl“ voller merkwürdiger Möbel, das Ulla geerbt hat. Anders als der modernisierte Moarhof scheint es unverändert zu sein – so, wie es noch bis Mitte der 70er Jahre aussah, als sich Helga mit der Pistole des Vaters erschoss. Ein Freitod, der für Ulla so unerklärlich ist wie vieles: Die Mutter bleibt auch postum ein Rätsel.

Dann entdeckt die Münchnerin jedoch alte Kassetten im Häusl, auf denen außer Musik auch immer wieder die Stimme ihrer Mutter zu hören ist: Helga erzählt ihre Lebensgeschichte, schildert in Sequenzen ihre Kindheit in Schlesien, das Bohemien-Leben ihrer Tante Karla in Dresden und dann die Flucht im Zweiten Weltkrieg. Mühsam nähert sich Helga dabei einem grauenvollen Höhe­punkt: dem Tag einer tragischen Entscheidung, über die sie damals mit keinem Menschen sprechen konnte. 

Ellen Sandberg
Das Geheimnis

Penguin, 
432 S., 20,– €, 
ISBN 978-3-328-60196-8

„Spannende Reise ins Unbekannte“
Autorin Ellen Sandberg porträtiert die Frauen auf zwei Zeitebenen. Ulla ist im Heute nach ihrer Scheidung an einem inneren Wendepunkt angelangt. Am Chiemsee sucht sie nicht nur nach Antworten auf Fragen zur Mutter, sondern auch nach Perspektiven für sich selbst. In der Vergangenheit wiederum, damals in den 70ern, offenbart sich Helgas unangepasstes Leben auf dem Moarhof. Episodenhaft spricht die Getriebene auf die Kassetten, welches große Geheimnis sie so quält, um ihrer Tochter dieses Zeugnis zu hinterlassen. Endlich bricht sie das Tabu.

Das Bindeglied zwischen beiden ist die 80-jährige Luise. Sie zog schon zu Helgas Lebzeiten nach Moosleitn, wo sie immer noch lebt. Ewig unzufrieden, träumt sie vom Umzug in eine noble Senioren­residenz. Und die Eigenbrötlerin hat ebenfalls viel zu verbergen. 

Auch Ellen Sandbergs fünfter Roman berührt mit schwierigen Themen. „Die finstere Seite ist ja die interessantere“, sagt die 64-Jährige. „Mich faszinieren Abgründe und Geheim­nisse.“ Während sie unter ihrem richtigen Namen Inge Löhnig ­großen Erfolg als Autorin von Kriminalromanen hat, fokussiere sie sich unter dem Pseudonym Ellen Sandberg auf das Thema Familie und „die Kräfte, die innerhalb von Familien wirken“.  

Sie war ihrem Kind eine Erklärung schuldig, auch wenn Ulla sie am Ende verachten würde. Besser mich als sich, dachte Helga und fuhr fort.

Aus: „Das Geheimnis“

Inge Löhnig, seit 43 Jahren mit ihrem Mann zusammen und seit 34 Jahren mit ihm verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und lebt in der Nähe von München. Die studierte Grafikdesignerin und ehemalige Art-­Direk­torin nennt es eine „spannende Reise ins Unbekannte“, Menschen mit ihren vielen Facetten beim Schreiben auszuloten. Ihre Romane haben meist einen historischen Hintergrund, den sie akribisch recherchiert. Alles belegen zu können und ohne Effekthascherei darzustellen, sei eine Voraussetzung dafür, auch harte Schicksale in Unterhaltungsliteratur zu packen. Zudem zähle ein respektvoller Umgang mit den geschilderten Menschen: „Ich stehe gern an der Seite der Opfer.“ 

Ellen Sandberg beherrscht den psychologischen Feinsinn; ihr Roman „Das Geheimnis“ fesselt mit einem verborgenen Trauma, das die Frauen über Generationen hinweg belastet. Sich den großen Fragen nach alten Wunden, Schuld und Vergebung packend und ohne Pathos zu widmen, ist die große Kunst dieser Autorin und macht den unwiderstehlichen Sog ihres Romans aus. 

Text: Petra Mies

Ellen Sandberg

Über die Autorin

Ellen Sandberg hat viele Jahre in der Werbebranche gearbeitet, ehe sie sich ganz – mit großem Erfolg – dem Schreiben widmete: Ihre psychologischen Spannungs- und Familien­romane, immer platziert in den Top Ten der „Spiegel“-Bestsellerliste, bewegen und begeistern ein großes Publikum; zuletzt erschienen ihre Romane „Das Erbe“ und „Die Schweigende“ . Unter ihrem bürgerlichen Namen Inge Löhnig schreibt sie außerdem erfolgreich Krimis. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von München.