Jan Weiler: DER MARKISENMANN

Stoff fürs Leben

21. April 2022

Die 15-jährige Kim hat ihren Vater vorher noch nie gesehen. Nun muss sie mit ihm den Sommer verbringen. Jan Weilers „Der Markisenmann“ ist ein berührender Roman übers Erwachsenwerden – und über eine Begegnung, die das Leben von zwei Menschen verändert.

Jan Weiler

Egal, ob Jan Weiler in seiner Wahlheimat München oder in anderen Städten unterwegs ist, immer hält er die Augen offen und scannt die Häuserfassaden: „Überall gucke ich: Gibt es Balkone, in welchem Zustand sind sie, wie sind sie bestückt, wo fehlt was?“ Was wie eine Marotte wirkt, ist eng mit der Arbeit des Erfolgsschriftstellers verbunden. Vor zwei Jahren hat seine Fixierung auf Häuserwände begonnen: Weiler recherchierte für seinen neuen Roman im Ruhrgebiet und begutachtete vor allem die Balkone. Seither interessiert er sich für deren Ausstattung. 

Genau das tut nämlich auch Roland Papen – er ist der „Markisenmann“ im gleichnamigen Roman. Der Mittdreißiger lebt in Duisburg in einer Lagerhalle, umgeben von Unmengen Stoffballen aus DDR-Beständen. Seit 14 Jahren fährt er mit einem klapprigen Auto durchs Ruhrgebiet, um den Einwohnern für ihre Balkone Markisen zu verkaufen. Mit mäßigem Erfolg allerdings. Tatsächlich ist Roland Papen wohl der erfolgloseste Vertreter der Welt. Gerade einmal 200 Markisen hat er in all den Jahren bislang verkauft. Aber das scheint ihn nicht weiter zu stören; der unscheinbare, stets freundliche Mann will kein anderes Dasein. 

„Das ist einer, der sich abgefunden hat. Er kämpft nicht mehr. Solche Menschen gibt es, die nehmen ein Schicksal für sich an und können das dann mit Leben füllen“, erklärt Jan Weiler. Was Roland Papen, der in der DDR aufgewachsen ist, zu einer solch zurückgezogenen, anspruchslosen Existenz gebracht hat, das wird erst am Ende klar.
In Bewegung kommt sein Leben, als im Sommer 2004 seine 15-jährige Tochter bei ihm auftaucht. Kim kennt ihren Vater nicht. Und sie kommt alles andere als freiwillig vom Kölner Villenviertel, wo sie mit ihrer Mutter, dem Stiefvater und dem Halbbruder lebt, an den Rhein-Herne-Kanal, während die übrige Familie Urlaub in Florida macht. Die Verschickung zum Vater ist eine Strafe, weil Kim einen katastrophalen Unfall verschuldet hat.

Jan Weiler
Der Markisenmann

Heyne, 
336 S., 22,– €, 
ISBN 978-3-453-27377-1

Ferien voller Frieden und Stille
Für das Mädchen ist die Lagerhalle, in die es während der großen Ferien einzieht, nichts weniger als ein Kulturschock. Kim denkt zunächst an Flucht, aber schließlich fügt sie sich in das Unvermeid­liche. Für Jan Weiler, dessen Geschichten über Jugendliche in der Pubertät Kultstatus erlangt haben und ihn als Spezialisten zum Thema ausweisen, ist Kims Verhalten naheliegend: „Kinder sind ziemlich anpassungsfähig. Wenn im Urlaub das Datenvolumen aufgebraucht ist, dann fangen sie an, Bücher zu lesen. Kim bleibt nichts anderes übrig, sie muss sich arrangieren.“

Doch Kim, aus deren Perspektive hier erzählt wird, erweist sich nicht nur als Meisterin der Anpassung. Sie kommt vielmehr ihrem Vater und dessen eigentümlichem Leben immer näher und genießt Ferien ­voller Frieden und Stille, in denen es nichts Dring­liches und keine Eile gibt. Bald begleitet das Mädchen den schüchternen Vertreter auf seinen Verkaufstouren. Und mit Kim, die enormes Schauspieltalent entwickelt, läuft das Geschäft: Sie erfindet immer neue abenteuerliche Geschichten, um die Markisen an den Mann und die Frau zu bringen. Es sind Szenen von großer Situationskomik. 

„Kinder sind ziemlich anpassungsfähig. Wenn im Urlaub das Datenvolumen aufgebraucht ist,  dann fangen sie an, Bücher zu lesen.“

Jan Weiler

„Da würde ich die Lust verlieren“
Geprägt aber ist der Roman vor allem von einer stillen Melancholie. „Das ist einfach mein Thema“, sagt der Autor. „Meine Geschichten sind immer traurig und melancholisch, manchmal auch ein bisschen sentimental.“ Dem Zufall überlässt Jan Weiler dabei wenig: „Ich kann immer erst schreiben, wenn ich alles schon in meinem Kopf habe und die Geschichte fertig ist. Sonst könnte es schließlich passieren, dass ich auf Seite 137 feststelle, das ist alles nichts. Dann müsste ich es wegschmeißen. Dafür bin ich zu faul. Ich kann nicht ein Buch zwei- oder dreimal anfangen. Da würde ich die Lust verlieren.“

Faul ist Jan Weiler ganz und gar nicht. Er schreibt lustvoll und ausdauernd Romane, Geschichten, Drehbücher, und er hat eine wöchentliche Kolumne in der „Welt am Sonntag“. Auch Ideen für ein neues Buch gibt es schon: „Man denkt immer über das nächste nach“, sagt er. Das ist eine gute Nachricht für seine Leser. 

Holger Heimann

Über den Autor

Jan Weiler, geboren 1967 in Düsseldorf,  war viele Jahre lang Chefredakteur des „SZ Magazins“. Sein erstes Buch, „Maria, ihm schmeckt′s nicht!“ (2003), war gleich ein Bestseller, dem Bücher wie „Mein Leben als Mensch“, „Das Pubertier“ oder die Kriminalromane um Kommissar Kühn folgten. Neben Romanen schreibt Jan Weiler Kolumnen, Drehbücher, Hörspiele und Hörbücher, die er auch selbst spricht. Er lebt in München und Umbrien.

www.janweiler.de

Jan Weiler im Interview

Sie leben in München. Schauplatz Ihres neuen Romans ist das Ruhrgebiet. Ein größerer Kontrast ist kaum denkbar.
Jan Weiler: Das Ruhrgebiet ist keine edle Gegend. Aber ich bin zehn Kilometer Luftlinie von Duisburg entfernt groß geworden, das Leben da ist mir nicht unvertraut. Die ganze Geschichte könnte jedoch auch in Karlsruhe oder Leipzig spielen. Doch dort wohnen nun einmal nicht fünf Millionen Menschen. Und so viele brauchte ich, um Roland Papen auf solch eine lange Reise schicken zu können. Ich habe jedoch streng darauf geachtet, alle Ruhrpott-Klischees zu vermeiden.

Zuvor haben Sie autofiktionale Bücher und Krimis geschrieben. Wie kam es überhaupt zu dem neuen Roman und dieser sehr besonderen Vater-Tochter-Geschichte?
Die Geschichte habe ich mir schon vor vielen Jahren ausgedacht, als mich meine Tochter, die damals zwölf war, gebeten hat, einen Roman nur für sie zu schreiben. Dann haben sich allerdings bis zum vergangenen Jahr immer wieder andere Sachen vorgedrängelt. Ich wollte eine Vater-Tochter-Geschichte erzählen, vom Älterwerden des Mädchens und den Geheimnissen des Vaters, davon, dass man von den eigenen Eltern nie alles weiß. Aber es gibt seltene Momente der Wahrheit, Kim und ihr Vater erleben einen solchen Moment. 

Hat Ihre Tochter den Roman schon gelesen?
Ja, sie ist mittlerweile 23 und hat das Buch schon während des Entstehens gelesen. Sie hat mich ständig aufgefordert: „Schreib weiter, schneller!“ Und ich musste wieder rackern. Im Gegensatz zum „Pubertier“, an dem sie einiges auszusetzen hatte, war sie diesmal mit allem einverstanden.  

Das Buch hat einen melancholischen Grundton. Trotzdem ist es auch tröstlich. Wie wichtig ist Ihnen ein versöhnliches Ende?
Melancholisch ist die Grundstimmung aller meiner Bücher. Die Geschichte vom italienischen Gastarbeiter, der nie in Deutschland ankommt, ist genauso traurig wie die vom Polizeikommissar, der in einer Lebenskrise steckt und da nie richtig rauskommt. Aber es nützt ja nichts, wir leben trotzdem weiter. Und was uns dabei hilft, das ist Humor.

Interview: Holger Heimann